Forum Hannover

Vaterlos und ausgegrenzt

 

So lautete das Thema der abendlichen Podiumsdiskussion am 4.Juni 2015 im Rahmen des zweitägigen Symposiums in Hannover.

Im wunderschönen Ambiente des Herrenhauser Schlosses hatten die VW Stiftung als Gastgeber und die Organisatoren der Leipziger Uni, Abt. für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie diese Veranstaltung möglich gemacht.

Annähernd 80 Besucher, Tagungsteilnehmer und interessierte Bürger, waren gekommen.

PD Dr. Philipp Kuwert stellte einen Impulsvortrag voran und Ute Baur-Timmerbrink las aus ihrem Buch " Besatzungskinder - Die Töchter und Söhne alliierter Soldaten in Deutschland"

 

In bisherigen Tagungen, in der Forschung, in Medien und Literatur hatten die Kinder sowjetischer Armeeangehöriger vergleichsweise zu den anderen Alliierten wenig Raum zur Darstellung ihres Weges als russische Besatzungskinder. In diesem Jahr, 70 Jahre nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges, widmen sich Forschungsabteilungen an Universitäten auch verstärkt den Russenkindern und Medien greifen in größerem Umfang diese Thematik auf.

 

Die drei geladenen Russenkinder stellten die Hälfte der Podiumsgäste. 

Birgrit Michler stellte die Gruppe der Russenkinder in Deutschland vor, die als Ergebnis einer Studie der Leipziger Universität 2014 entstanden ist.

Marianne Gutmann äußerte sich zu einigen Aspekten der Identitätsentwicklung der Russenkinder.

Winfried Behlau sprach über das Buch "Distelblüten - Russenkinder in Deutschland".

 

Birgrit:

Die wenigen Gedanken, die zu Beginn bei der kurzen persönlichen Vorstellung geäußert wurden, machten deutlich, dass es im Wesentlichen drei unterschiedliche Gruppierungen gibt, die sich in der gesamten Gruppe der Russenkinder wiederfinden.

Das sind jene, die wie Winfried Behlau, aus einer Vergewaltigung stammen.

Andere, wie Marianne Gutmann und ich selbst, gingen aus einer Liebesbeziehung der Mutter mit einem sowjetischen Besatzungssoldaten hervor. Alle haben sehr unterschiedlichen Erfahrungen in der Kindheit gemacht. Der Umgang in den Familien, das Schweigen der Mütter, teilweise bis zum Tod, hat viele geprägt. Die späte Vatersuche, vor allem der Betroffenen aus der ehemaligen DDR, ist der Tatsache geschuldet, dass das Thema Russenkinder in der Gesellschaft ein Tabu war.

Manche, wie Marianne, können auf eine erfolgreiche Vatersuche verweisen.

Andere suchen noch und erhoffen sich Hilfe dabei.

Die Gruppe der "Russenkinder" in Deutschland hat sich im März 2015 zum zweiten Male in Leipzig getroffen.

War es im Jahr zuvor noch ein erstes Kennenlernen von 9 Teilnehmer, so waren 2015 bereits 15 gekommen. Nicht nur zahlenmäßig ist die Gruppe gewachsen. Einige haben sich in die Öffentlichkeit gewagt und so anderen Mut gemacht, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Über 25 Kontakte bestehen und es wird deutlich, dass einige immer noch zaghaft sind, eine Hemmschwelle überwinden müssen, um gegenüber anderen über ihre Herkunft und diesen Teil ihrer Biografie zu sprechen.

Ich gehöre zu den wenigen, die weder Traumatisierung, Stigmatisierung und Ablehnung erfahren hat. In der Familie nicht und nicht in meinem Umfeld. Und ich bin immer offen damit umgegangen.

 

Ich kann für mich sagen: Vaterlos ja - ausgegrenzt nie.

Persönlich stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ist es unseren Vätern nach dem Krieg ergangen? Was ist mit denen geschehen, die plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwanden? Diese Frage beschäftigt viele von uns.

 

Zu einer herzlichen Begegnungen kam es nach der Podiumsdiskussion im Foyer. Ein Russenkind aus der Nähe von Hannover, die von der Veranstaltung gelesen hatte, war gekommen. Ohne Scheu gab es eine herzliche Umarmung und ein vertrauensvolles Gespräch.

Die offenen Gespräche mit Bürgern, machten das Interesse an dem Thema deutlich. Die Resonanz macht Mut, weiter die Öffentlichkeit zu suchen und damit Betroffenen zu helfen, aus dem Schatten zu treten, in dem sich viele zu diesem Teil ihrer Biografie noch befinden.

 

Winfried:

Buch: „Distelblüten – Russenkinder in Deutschland.“ ISBN 978-3-944665-04-7

 

Beim ersten Treffen der Russenkinder in Leipzig am 6. März 2014 hörte ich einige Male: Jetzt habe ich zum ersten Mal über meine Herkunft geredet. Weil das Sprechen eine Befreiung bedeutete, beschlossen wir, mit unseren Geschichten in die Öffentlichkeit zu gehen.

Meine Aufgabe war es, Biografien zu sammeln und in einem Buch, das im Handel erhältlich sein sollte, zu publizieren. Der Start war mühsam. Es schien schwierig zu sein, den Stift in die Hand zu nehmen und zu beginnen.

Wir besuchten einige Russenkinder, um Ihnen die Hemmung beim Start zu nehmen.

Weihnachten 2014 war eine bescheidene Textsammlung mit 152 Seiten fertig. Diese ging zunächst mit 200 Exemplaren und später mit 500 in den Druck. (3. Auflage 1500 ab Juli 2015)

Buch, Presse und Radio- und TV Berichte führen seitdem dazu, dass sich neue Russenkinder melden, uns gratulieren und sich bedanken, dass wir in die Öffentlichkeit gegangen sind. Sie sagen auch, dass sie nie über ihren Fall gesprochen hätten.

 

Für uns Autorinnen und Autoren und bedeutete der Gang in die Öffentlichkeit eine Befreiung von altem Ballast. Die Reaktionen der Leser sind durchweg positiv und anerkennend - auch von Wissenschaftlern. Innerhalb des eigenen Bekannten- und Verwandtenkreises kam es zu unterschiedlichen Reaktionen. „Warum müsst ihr die alten Sachen an die Öffentlichkeit ziehen?“

„Das hat unsere Mutter nicht verdient.“ „Ich ändere mein Testament.“

Aber auch: „Alte Missstimmungen in der Familie sind beseitigt.“

Wir haben Interviews gegeben, die zu längeren Zeitungsartikeln führten oder zu Radio- und TV Beiträgen. Leider sind die Darstellungen nicht immer richtig. Wir haben den Eindruck, dass manche Journalisten um der Sensation willen doch gern aufbauschen oder schlichtweg falsch darstellen. Das passiert sogar in wissenschaftlichen Darstellungen, was besonders bedauerlich ist.

Speziell zum Buch „Distelblüten - Russenkinder in Deutschland“ haben wir eine eigene Homepage erstellt. Die sehr kurze Geschichte von Anton „Eigentlich“ ist in einen 90 Sekunden Video Clip dargestellt. Diesen Clip konnten wir in Hannover während der Podiumsdiskussion einspielen. Er bringt die Sache emotional auf den Punkt. Man kann ihn auf unserer Homepage http://russenkinder-distelblueten.de/buch/hörprobe.html anschauen.

Wir begrüßen die mit dem Buch eingesetzte Entwicklung. Sie bricht an vielen Stellen mit dem Schweigen. Wir wünschen uns, dass auch in Russland eine ähnliche Entwicklung einsetzt. Denn dort gibt es sehr viele Wehrmachtskinder, die in der Nachkriegszeit leiden mussten. Offiziell liegt der Mantel des Schweigens über ihnen.

 

Marianne

Auch von mir: herzlichen Dank für die Einladung an uns Russenkinder-Veteranen. Drei Aspekte möchte hier herausgreifen.

-Unsere Schicksale machen deutlich, wie viele Jahrzehnte die Spuren des Krieges in den seelischen Wunden von Kindern erkennbar bleiben, selbst wenn die Lebensbewältigung erfolgreich war.

Das Schicksal der Mütter und Kinder in den aktuellen Konflikten der Welt sollte unbedingt in die Aufmerksamkeit der Gesellschaft gehoben werden, Hilfsmöglichkeiten gefunden werden, denn die Mütter brauchen Hilfe und Unterstützung. Diese Kinder werden die Zukunft mitbestimmen.

- Von besonderer Bedeutung ist für mich, auf welche Weise die Gegenwartshistoriker - mehrheitlich übrigens weiblich - mit uns als den Objekten ihrer Forschung menschlich verbunden sind. Ihr Engagement, die moralische und organisatorische Unterstützung hat unsere Russenkindergruppe möglich gemacht. Wir wiederum haben die Studie zur psychosozialen Situation der Besatzungskinder mitgetragen und unsere Beziehungen genutzt, um für die Teilnahme zu werben und zu motivieren.

- Diese Forschung hat unser Leben verändert. Das Interesse der Besucher der Podiumsveranstaltung am 4. Juni 2015 während und vor allem nach der Diskussion in den Gesprächen war ausgesprochen herzlich. "Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht über das Thema Besatzungskinder" haben wir mehrfach gehört.

Am selben Tag erschien in der Thüringer Allgemeinen ein langer Artikel über meine schließlich erfolgreiche Vatersuche, übers Internet erfuhr mein russischer Halbbruder davon und schrieb einen berührenden Leserbrief "Von der anderen Seite".

 

Abschließende Gedanken, für uns selbst und an die Forschung gerichtet:

 

* Die Problematik der „Russenkinder“ bedarf einer weiteren Aufarbeitung. Besonders auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gibt es infolge des jahrzehntelangen Tabus eine große Dunkelziffer von Betroffenen, aber auch deutschlandweit.

* Nach dem Kennenlernen und dem geführten Erfahrungsaustausch, entwickelt sich nun der Wunsch, bei weiteren Zusammenkünften den Problemen mehr Zeit und Raum zu geben, die jetzt viele noch bewegen.

So u.a.: Das Schweigen der Mütter, z.T. Bis zum Tod. Jetziges Schweigen in den Familien.

Geschwisterploblematik. Bindungserfahrungen, Beziehungsfähigkeit sowohl bezüglich Lebenspartnerschaft als auch allgemein zu anderen Bezugspersonen.

Es wird die Frage aufgeworfen, ob dafür mit Unterstützung der Forschungsabteilungen fachkompetente psychologische Anleitung und Führung möglich ist, ähnlich einer Gruppentherapie z.B.Wochenendveranstaltung mit viel Raum für persönlichen Austausch untereinander.

 

Finden wir dafür Förderer ?

 

*An die Historiker und die Forschung geht der Wunsch, in ihrer Arbeit die Besatzungskinderproblematik in den östlichen Ländern ( ehemalige Sowjetunion, Polen, Balkanländer) zu befördern. Da diese doppelt betroffen sind, einerseits durch die Besatzung der Wehrmacht und dann durch die Sowjetarmee. Es wurden auch da Kinder hinterlassen. Wie gehen diese Länder damit um.

 

*Was führten unsere Väter für ein Leben nach dem Krieg? Haben auch sie geschwiegen bis zu ihrem Lebensende ? Gibt es dazu Studien?

Ist das ein relevantes Thema für die Forschung? Befasst sich in Russland oder den ehemaligen Sowjetrepubliken jemand damit?

 

Tagung von Children Born of War in Hannover.

 

Am 4. und 5. Juni durften wir, Birgrit, Marianne und ich an der von Heide Glaesmer organisierten Konferenz teilnehmen. Das wunderbare Ambiente im Herrenhäuser Schloss war aber fast Nebensache. Die sehr emotionalen Vorträge haben mich beeindruckt. Ein Reader in englischer Sprache liegt vor und kann oben über den UNI-Link geladen werden.

 

Ute Baur-Timmerbrink stellte gleich zwei Bücher vor. Zum Einen übernahm sie die Rolle von Gisela Heidenreich, die gesundheitlich verhindert war. Dabei stellte Ute das Buch „Auf der Suche nach der eigenen Identität“ von Gisela Heidenreich vor. Es ging um die „Lebensborn“ Heime der NS Zeit. Um diese Heime ranken sich viele zu korrigierende Mythen.

Aus Utes neuem Buch „Besatzungskinder“ las Ute einige Passagen, die sie auch erläuterte. Hauptthema waren Besatzungskinder mit amerikanischen Vätern.

 

In der Runde saßen wir drei Russenkinder als Betroffene und konnten unseren Standpunkt darlegen. Birgrit berichtete, wie sich die Gruppe der "Russenkinder in Deutschland" entwickelt hat.

 

Marianne stellte allgemeine Gedanken dar, die sie schon in Leipzig vortrug.

Der vollständige Text findet sich hier.

 

Im Vorfeld der Tagung hatte dpa angekündigt, von der Tagung zu berichten und auch von uns. Am Freitag erschienen besonders im norddeutschen Bereich viele Artikel und dies führte zu weiteren Rückmeldungen.

 

Am Freitag hörten wir Vorträge besonders zur aktuellen Situation in Afrika und über Studien, die dort laufen.

Über das, was dort in den Kriegsgebieten abläuft, machen wir uns keine Vorstellung. Unvorstellbares Leid geschieht dort und wird in der Welt weitestgehend ignoriert.

Ein Vertreter aus Uganda, Vincent, berichtete ebenfalls mit klaren Worten.

Wir freuen uns, dass wir in Hannover dabei sein durften.