Birgrit

 

Den Vergewaltigungskindern:

denen, die im Buch gesprochen haben und

den unzähligen Ungenannten

 

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“Wer ist mein Vater?”

Höre ich mich heut noch fragen.

“Nicht wahr, der Papa ist es nicht?”

 

“Nein, der Papa ist es nicht ”

höre ich sie heut noch leise sagen.

 

“Russen kamen … , Sohn.

Ich … wurde … vergewaltigt…

jetzt weißt du es.”

 

Andere wussten es vor mir schon.

 

“Du hast mich doch trotzdem lieb?”

höre ich mich zaghaft fragen.

ihr Mund der blieb -

verschlossen.

Darauf mochte sie nichts sagen.

 

Ich nahm ihre Hand

“Wie sah er denn aus?”

wagte ich zu fragen.

Leise, ihr Gesicht zur Wand:

“Das … kann ich dir nicht sagen,

es waren drei oder mehr

an einem und an vielen Tagen

es ist so lange her

und nun … hör auf mit fragen.”

 

Ich hörte auf und schämte mich

fortan, an allen Tagen

 

***

Hatte sie mich trotzdem lieb?

Das möchte ich sie heut noch einmal fragen.

Doch heut kann sie's mir nicht mehr sagen.

Bisherige Lesungen von mir zum Buch

" Distelblüten - Russenkinder in Deutschland" 2015

 

 

24. März

Zittau, Christian Weise Bibliothek

Themenabend der Volkshochschule

" Besatzungskinder - Geschenke der Alliierten"

zusammen mit Winfried Behlau, GunterWeidner

 

15. April

Großhennersdorf, (mein Geburtsort)

zusammen mit Gunter Weidner

 

21. April

Hirschfelde, Landfrauenverein

zusammen mit Gunter Weidner

 

28. Juni

Eckartsberg, Heimatmuseum

 

10. August

Median Reha Klinik Berggießhübel

 

Birgrit - Mutter Deutsche - Vater sowjetischer Besatzungsoffizier.

 

Ich stamme aus einer Liebesbeziehung. Sie endete im Sommer 1946 abrupt. Mutter wusste, dass sie schwanger war. Mein Vater Wassili, ein Weißrusse, war von einem Tag auf den anderen verschwunden.

Geboren wurde ich im April 1947 in der kleinen sächsischen Gemeinde Großhennersdorf. Hier verbrachte ich eine unbeschwerte Kindheit bis zu meinem 10. Lebensjahr. Stark geprägt von einem innigen Verhältnis zu meiner Oma. Ich war ein Oma Kind.

Seit meinem 10. Lebensjahr lebe ich in Zittau.

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Vor drei Jahren, Ende August starb meine Mutter. Sie wurde 91 Jahre alt. Danach hatte ich Zeit. Viel Zeit nur für mich. Meine Kinder forderten mich auf, einiges aufzuschreiben. Sie sind früh aus dem Haus, leben weit weg und während der Kinder- und Jugendzeit war das Interesse an meiner Lebensbiografie nicht so ausgeprägt. Schule und andere Interessen standen im Vordergrund.

Auch bei mir. Meine Herkunft hatte ich immer im "Hinterkopf" aber vordergründig war es kein Thema. Es war kein bewusstes Wegschweigen, wie bei vielen anderen. Dafür gab es familiär bei mir keinen Grund.

Womit also sollte ich beginnen, ich hatte vieles aus meinem bisherigen Leben ausgeblendet, manches, an das ich nicht mehr denken wollte, bewußt vergraben.

Ich entschloss mich, bei meiner Geburt und damit mit meiner Herkunftsgeschichte zu beginnen. Meine russischen Wurzeln sind den Kindern von jeher bekannt. Sie fanden es interessant. Auch, dass sie selbst zu einem Viertel russische Gene in sich haben.

Heute, wo sie sich dafür interessieren, fehlt die Gelegenheit für Gespräche.

Also schrieb ich meine Geschichte:

 

Mein Vater war ein IWAN- so habe ich sie überschrieben

Die Bezeichnung IWAN hielt sich lange in der Bevölkerung und in Erzählungen der Älteren über den Krieg hörte ich es oft.

Ich war etwa 14 als ich es erfuhr:

" Birgrit, dein Vater ist ein Russe" Es kam unvermittelt. Ich saß in unserer Zinkbadewanne. Mutter schräg hinter mir am Küchentisch. Sie musste mich nicht ansehen. Nackt erfuhr ich die Wahrheit, in dem Moment fühlte ich mich doppelt nackt. Ein guter Zeitpunkt. Am nächsten Tag fuhr ich ins Kinderferielager. Plötzlich war ich ein Russenkind. Danach war es lange kein Thema mehr. Aber endlich die langersehnte Klarheit.

Ich hatte meine Mutter schon oft gefragt, nachdem eine entfernte Verwandte eine Andeutung gemacht hatte, dass mein Vater kein Deutscher sei.

Immer hielt sie den Zeitpunkt für nicht geeignet. Von anderen weiß ich, dass sie ebenfalls in einem ähnlichen Alter die Wahrheit erfuhren. Manche früher, andere viel später und einzelne erst nach dem Tod der Mutter von einem anderen Familienmitglied.

 

Das Schweigen der Mütter,

darüber ließe sich ein dickes Buch schreiben. Die meisten unserer Mütter leben nicht mehr. Welche leidvollen Erfahrungen, welchen Kummer, welche unausgesprochenen Gefühle haben sie mit ins Grab genommen?

Die Niederländerin Monika Diederichs hat 50 Mütter von Wehrmachtskindern interviewt. In Holland ist das heute noch ein Tabu. Sie, selbst ein Wehrmachtskind, brauchte lange um einen Verlag zu finden, der bereit war das Buch zu drucken. Inzwischen ist es erschienen.

Der Vater meiner Kindheit ist der Mann auf dem Hochzeitsbild meiner Mutter. Er ist mir noch heute vertraut. So haben viele von uns Russenkindern ihr Vaterbild gehabt . Für die einen war es der im Krieg gefallene Ehemann der Mutter, für andere der Stiefvater. In jedem Fall wurde das bisherige Vaterbild plötzlich ein weißer Fleck. Die einen konnten eine erfolgreich Vatersuche betreiben und die sogenannten Schattenfamilien finden. Für diejenigen, denen die Mütter keine Identitätsbeweise hinterlassen haben bleibt der weiße Fleck an der Wand mit einem großen Fragezeichen. Das trifft natürlich besonders auf die zu, die aus einer Vergewaltigung stammen.

 

Meine ganze Geschichte ist nachzulesen im Buch "Distelblüten - Russenkinder in Deutschland"

Es gibt auch zwei Beiträge über mich im Lokalteil der Sächsischen Zeitung vom Juli 2014 und vom Februar 2015.

Ich hatte mich bald entschlossen, die Öffentlichkeit zu suchen. Bis vor einiger Zeit ging ich wie viele von uns davon aus, die Einzige zu sein. Denn ich kannte nicht einen einzigen Menschen dieser Herkunft.

Seitdem habe ich viel positive Resonanz erhalten.

Ich möchte alle ermutigen, die als Gleichbetroffene auf unsere homepage gelangen, noch auf der Suche sind nach einer Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen. Setzt euch mit uns in Verbindung. Reden befreit, ebenso Schreiben.

Mein Leben hat sich seit zwei Jahren völlig verändert. Nie hätte ich geglaubt, dass meine Herkunft einmal ein täglich bestimmendes Thema für mich sein würde. Aus positiver Sicht.

Mehr zufällig bin ich Teilnehmer der Leipziger Studie geworden.

Dann gab es plötzlich ca. 15 Menschen mit Vätern der Sowjetarmee. Alle wollten andere kennenlernen und ihre Erfahrungen austauschen. Manche hatten noch nie darüber gesprochen.

So ist mit Unterstützung unserer beiden Leipziger Psychologen unsere Gruppe der "Russenkinder in Deutschland" entstanden. Ein Mitglied aus unserer Gruppe nennt uns "Wurzelgeschwister" andere, abgeleitet von unserem Buch, bezeichnen uns als "Distelgeschwister".

Es hat sich ein herzliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Ich persönlich habe sehr viel Respekt gegenüber den anderen gewonnen. Denen, die im Gegensatz zu mir, Schlimmes in Kindheit und Jugend erlebt und erfahren haben und jetzt darüber berichten.

Die Fähigkeit, in eigener Sache nicht nur persönliche Nabelschau zu betreiben, sondern über den Tellerrand hinauszuschauen, das ist mir und auch anderen gelungen.

Wir haben nicht nur für uns viel bewirkt, die ungeahnte Resonanz auf Medienbeiträge und unser Buch, trägt dazu bei bei, dass sich völlig fremde Menschen melden. Wir helfen, bei anderen jahrzehntelange Mauern des Schweigens einzureißen.

 

Viel gäbe ich darum, heute mit meiner Mutter und mit meiner Großmutter sprechen zu können über die Dinge, über die sie mir gegenüber aus Rücksicht oder aus Scham geschwiegen haben.

 

Ich bin dankbar, dass sie mich in Liebe angenommen und großgezogen haben. Mit meiner Geschichte im Buch "Distelblüten..." konnte ich ihnen ein bescheidenes Denkmal setzen.

 

Birgrit aus Zittau in Sachsen

August 2015