Renate B

Renate

Ich habe einen Angehörigen der US Army geheiratet. Jetzt lebe ich in den USA.

Gezeugt wurde ich in dem berüchtigten Lager 7533 in Pr. Eylau - Ostpreußen.

 

Über meinen Vater weiß ich kaum etwas. Mutter schwieg, eine Freundin sagte, es sei ein "Mongole" gewesen.

 

Im Buch "Distelblüten - Russenkinder in Deutschland" ist meine Geschichte nachzulesen.

 

Das Leben meiner Mutter ist unglaublich verlaufen, geprägt von Leid. Sie hat nach langem Drängen ihre Lebensgeschichte 1990 auf Band gesprochen.

 

 

Aus den Lebenserinnerungen von Olga Fregin.

Ein Auszug aus dem Manuskript „Ausgestoßen“

Ein Verlag zur vollständigen Veröffentlichung wird noch gesucht.

 

 

 

Inzwischen war es März 1945 und die Russen kamen immer näher an Königsberg heran. Die letzten Gefechte Mann gegen Mann vor der Kapitulation am 9. April habe ich von meiner Wohnung aus miterlebt. Dann war Königsberg in der Hand von den Russen, ich wurde gefangen genommen und mit anderen Zivilisten und deutschen Soldaten in das Lager 7533 nach Pr. Eylau gebracht. Der Marsch dahin war schrecklich, mein geliebtes Königsberg war ein einziger brennender Trümmerhaufen, die Luft stank nach Brand und Pulver, die Straßen waren übersät mit Granaten- und Bombentrichtern. Wir gingen über verwesende Pferde- und Menschenleichen in planlosen Märschen über aufgeweichte Wiesen und Felder, bis wir endlich im Lager ankamen.

 

 

Lager 7533 in Preußisch Eylau, ehemalige Infanteriekaserne am Warschkeiter See

 

Die Verhältnisse in diesem Lager 7533 waren schrecklich und es grenzt an ein Wunder, dass ich alles überlebt habe. Wir wurden in Baracken untergebracht und lagen da wie die Heringe auf dem kalten Fußboden, es gab nichts zum Zudecken. Die hygienischen Verhältnisse waren auch unmöglich, uns allen wurde der Kopf kahlgeschoren wegen Ungeziefer. Das Essen war noch schlechter, es gab Wassersuppe mit wenig Gemüse, sie wurde mit Mehl angedickt.

 

In den ersten Tagen in diesem Lager wurde ich verhört und zwar von einem Polen, der mich so schlug und misshandelte, dass ich eine Fehlgeburt hatte. Die Russen holten mich immer wieder zum Verhör, weil sie mir nicht glaubten, dass ich kein Nazi war. Irgendwann hat es aufgehört und ich fand Arbeit in der Schneiderei, die eingerichtet wurde. Da habe ich Büstenhalter genäht, immer in Runden von der Mitte ausgehend. Wir haben auch mit Russen zusammen gearbeitet. Für einen Tag Arbeit gab es 1 kg Brot. Da war ein russischer Schneider, der hieß Viktor und wollte von mir Deutsch lernen. Da habe ich ihm Folgendes beigebracht: Guten Morgen heißt Arschloch, also wenn ich morgens auf die Arbeit komme, dann sagst du zu mir: Arschloch Olga, fasst dich an die Nase und verbeugst dich. Und als ich am nächsten Morgen kam, stand er schon da, fasste sich an die Nase, verbeugte sich und sagte Arschloch Olga, todernst machte ich das Gleiche, aber dann musste ich sofort verschwinden, weil ich so lachen musste. Als Viktor herausbekam, was er da auf Deutsch sagte, wollte er mich verdreschen, aber ich bin ausgerissen.

In dieser Zeit bin ich sehr krank geworden und habe Bauchtyphus bekommen, ich kam in das Lazarett und lag auf den Tod, aber mit Gottes Hilfe habe ich überlebt.

 

In diesem Lager war ein russisches Arztehepaar, der jüdische Sanitätsmajor Agav und seine Frau Maria Iwanowa, die gleichfalls Sanitätskapitän war. Die haben mir das Leben gerettet und auch vor dem Verhungern. Als ich wieder gesund wurde, habe ich für die beiden oft gearbeitet, genäht und was sonst so anfiel, dafür bekam ich Essen. Gewohnt haben sie außerhalb vom Lager, ich bekam einen sogenannten Passierschein oder Ausweis, damit ich in das Lager raus und rein konnte. Russisch konnte ich inzwischen so gut sprechen, dass die Russen gar nicht glauben konnten, dass ich Deutsche war, ja dass ich die Sprache konnte und Olga hieß, hat mir da sehr geholfen. Arbeiten musste man, sonst gab es nichts zu essen, auch der Willkür der russischen Soldaten war ich immer wieder ausgesetzt und so wurde ich schwanger.

 

Meine Arztfrau sagte zu mir, Olga du bist so dick, du bekommst zwei, da hat sie mir Chinin gegeben, um abzutreiben und ich habe es geschluckt, aber als ich merkte, dass mein Herz immer schwächer wurde, habe ich aufgehört. Ich habe auch nichts für die Geburt vorbereitet. Die Arztfamilie wollte zum Urlaub nach Odessa heimreisen, als bei mir vor ihrer Abfahrt die Wehen einsetzten. Dann habe ich Zwillinge geboren, einen Bub und ein Mädchen, da hat mir die Arztfrau gleich gesagt, dass sie nicht am Leben bleiben werden, weil sie zu schwach sind. Die Zwillinge haben nur 3 Tage gelebt, dann sind sie gestorben und ich war eigentlich froh darüber und sehr glücklich, dass ihre Leiden zu Ende waren. Sie wurden in Papiersäcken beerdigt. Ich habe nach der Geburt bei der Arztfamilie weitergearbeitet.

 

Einmal war ich ausgerissen von der Arztfamilie, ich wollte nach Deutschland. Als ich in den Zug einsteigen wollte, sah mich ein russischer Wachtposten und schrie: “Stoj, stoj” und wollte auf mich schießen. Der Zug fuhr nach Polen und ich wollte über Polen nach Hause fahren, nach Deutschland. Der hat mich festgenommen und wieder freigelassen, weil ich ihm eine Lüge aufgetischt habe, die so glaubhaft war, dass er mich gehen ließ. Ich fragte ihn: “Das ist doch der Zug nach Königsberg?“ da antwortete er, nein, dieser Zug geht nach Polen, ach sagte ich ganz erstaunt, da bin ich doch in den falschen Zug eingestiegen, und daraufhin hat er mich gehen lassen. Außerdem kannte er auch die Arztfamilie, bei der ich arbeitete. Mit mir waren noch zwei andere Frauen, die wurden eingesperrt, aber ich nicht.

 

Zu essen gab es in dieser Zeit wenig, wenn ich in das Magazin ging, gab es bloß Quark und Brot. Weil ich nicht verhungern wollte, habe ich mich entschlossen, nach Litauen zum Betteln zu fahren und traf meine Vorbereitungen. Ich wollte mich mit keinem Russen einlassen und ging lieber betteln. Es gab viele deutsche Frauen, die mit russischen Soldaten und Offizieren zusammengelebt haben, ob aus Liebe oder ums Überleben, ich weiß es nicht. Die meisten Russen waren verheiratet und hatten Ehefrauen in Russland.

 

Erste Reise nach Litauen

 

Endlich war es dann so weit. Ich bin zuerst zum Hauptbahnhof in Königsberg, da habe ich einen russischen Schaffner gefragt, ob er mich mitnimmt nach Litauen, ja sagte er, wir einigten uns über den Fahrpreis und das war eine Flasche Wodka im Wert von 20 Rubel.

 

Um 8 Uhr abends ging die Reise los. Ich hatte mich verkleidet als russische Babuschka und bin in das Abteil zweiter Klasse eingestiegen. Da waren schon russische Soldaten drin, ich habe nur Russisch gesprochen, weil ich dachte, ich muss auch wirklich einen russischen Eindruck machen und dass sie nicht auf die Idee kommen könnten, dass ich eine “NEMZKA’, also eine Deutsche bin. Sonst hätten sie mich vergewaltigt und aus dem Zug geworfen.

 

Ein russischer Soldat legte seinen Kopf auf meine linke Schulter, ein anderer seinen Kopf auf die rechte Schulter. Da habe ich zu denen gesagt, sie sollen gehen und sich einen anderen Platz suchen, ich bin müde. Na ja, da sind wir dann losgefahren, die ganze Nacht. Morgens um 8 Uhr sind wir in Litauen angekommen und ein jeder ging seiner Wege. Es war Januar, bitterkalt und es lag viel Schnee - in Ostpreußen und Litauen sind kalte Winter mit viel Schnee. Ich hatte alte Kleider in meinem Gepäck zum Umtauschen gegen Essen. Dann habe ich bei Bauersleuten angefragt, ob sie eine Unterkunft haben für mich und die haben mich dann aufgenommen. Geschlafen habe ich auf dem Heuboden, versteckt unter dem Heu, denn die Litauer wurden auch kontrolliert von den Russen und Deutsche aufnehmen war strengstens verboten. Es kamen oft Russen und haben mit der Forke im Heu herumgepiekt, um herauszufinden, ob da Deutsche darin versteckt waren.

 

Bei der Bauernfamilie bin ich geblieben, bis ich eine andere Bleibe bei einer anderen litauischen Familie gefunden hatte. Da bin ich bis zum Bauch im Schnee gegangen, immer im Graben. Einmal hat mich ein russischer Soldat angerufen, ich solle stehenbleiben. Deutsche haben nichts zu suchen in Litauen. Bei dieser anderen Familie habe ich im Haushalt geholfen und genäht, ich war so froh, dass sie mich aufgenommen hatten.

Es waren auch noch andere Gäste da. Ein junger Russe und ein Ehepaar, die Schlafverhältnisse waren auch sehr beengt. Das Ehepaar hat in einem Bett geschlafen und der Russe in der Besucherritze, ich habe in einem anderen Bett geschlafen. In dem Haus war es sehr warm, es gab einen großen Ofen und der Fußboden bestand aus Lehm. Ab und zu ging ich spazieren im haushohen Schnee, um frische Luft zu schnappen. Bei dieser Familie war ich 3 Wochen und habe nur genäht gegen Essen, dann waren alle Näharbeiten erledigt und ich musste gehen und mir wieder eine andere Bleibe suchen. Die habe ich auch gefunden und wieder Tag und Nacht genäht, nur für das Essen, danach bin ich wieder nach Preußisch Eylau gefahren, zurück in das Lager.

 

In diesem Lager habe ich dann auch einen deutschen Gefangenen kennengelernt und wir haben uns so gut verstanden, dass wir heiraten wollten. Er hieß Fritz K., stammte aus Tilsit und war Tischler von Beruf, Witwer und hatte einen Fuß im Krieg verloren. Er hatte zwei Töchter, die aber nicht im Lager waren, sondern in einem Waisenhaus, wo, das weiß ich nicht. Wir wurden von einem katholischen Pfarrer im Lager heimlich getraut. Auf einmal wurde mein Mann ganz plötzlich aus dem Lager in ein anderes verlegt, nach 1-Tilsit wie es hieß, und ich dachte mir einen Plan aus, wie ich dahin komme.

 

Zweite Reise nach Tilsit

 

Wieder war es mir gelungen, in den Zug zu kommen, der in Richtung Tilsit gefahren ist und ich kam ohne Zwischenfälle an. Ich fand eine Unterkunft bei einer deutschen Familie mit Kindern. Da waren auch zwei deutsche Männer, die wollten weiter zum Betteln nach Litauen. Es gab kaum Schlafgelegenheit und ich musste mich zu einem der Männer in ein schmales Bett legen, das war ein ganz dicker Mensch. Da wurde es mir zu eng und ich habe dann auf einer Bank geschlafen. Von dieser Unterkunft kam ich in eine andere, es war bitterkalt, 30 Grad minus, und es war kein Platz zum Schlafen, da habe ich eine ganze Nacht im Flur auf dem kalten Boden geschlafen. Da bin ich wieder weitergezogen in ein anderes Haus und musste bitten und betteln, dass ich da schlafen konnte, und dafür habe ich die ganze Nacht gestrickt. Ich wollte unbedingt das Lager finden, in das mein Mann verlegt wurde, ich habe es aber nicht gefunden und so bin ich wieder nach Preußisch Eylau zurückgefahren.

 

Ich bin dann wieder zurück zum Arbeiten in das Lager in die russische Schneiderei.

 

Die ganzen 3 Jahre, als ich in dem Lager war, wurde uns immer wieder von den Russen versprochen, dass wir bald nach Hause fahren dürfen, nach Deutschland, wir wollten das gerne glauben, aber wir wussten alle, dass wir angelogen wurden. Auf einmal hieß es, das Lager wird aufgelöst und alle dürften nach Deutschland fahren, ein jeder in seine Heimat. Die Lagerinsassen wurden auf verschiedene Transporte verteilt und als die Reihe an mich kam, war ich schon im 8. Monat schwanger. Ich bekam viel zu essen mit, einige Laibe Brot und eine große Kanne mit Honig, dann ging die Fahrt los im Viehwaggon. Ich wusste nicht wohin der Zug fuhr, uns wurde nur gesagt, er fährt nach Deutschland. Meine Endstation war Grävenitz, Kreis Stendal in Sachsen Anhalt, Sowjetische Besatzungszone. Nach der Ankunft wurden wir Flüchtlinge verteilt auf verschiedene Bauernhöfe. Es wurde Abend und ich hatte noch keine Bleibe gefunden. Da kam dann der Bürgermeister oder Ortsvorsteher und hat mich bei einer Großfamilie untergebracht in einem großen Bauernhaus. Da waren schon zwei andere Familien, ich war die dritte. Die hatten zu essen gehabt, die waren sehr reich.

 

Über allem muss aber die Lebensfreude nicht leiden und ein Hobby tut Jedem gut: