Leseprobe

Winfried

 

Ihren dreißigsten Geburtstag hatte sich meine Mutter wohl anders vorgestellt. Sie saß mit zwei Kindern im Keller ihres Hauses. Um sie herum heulten die Bomben, aus dem nahen Blindenheim irrten Nichtsehende herum, gerieten in die Flammen.

Es war der 30. August 1944 in Königsberg und der erste Angriff der Alliierten, ähnlich verheerend wie der Feuer­sturm auf Hamburg oder der Angriff auf Dresden.

Am nächsten Tag fuhr sie mit der Bahn zurück zum elter­lichen Hof in der Nähe von Allenstein.

 

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Er war aus Leder, gut einen Meter lang, zwei Zentimeter breit, hatte eine Metallschnalle und lag oben auf dem Kleiderschrank. Er musste schließlich gar nicht mehr oft benutzt werden. Die Frage: „Soll ich den Penter holen?“ reichte schon aus, um den gewünschten Erfolg zu erzielen.

„Ich musste dem Kind doch den schlechten Cha­rakter ausprügeln,“ hatte Mutter später entschuldigend gesagt. Wie sollte das Kind auch bei dem Verbrecher von Vater einen guten oder zumindest akzeptablen Charakter haben?

Wenn ich mich dreckig gemacht hatte – in eine Pfütze gefallen war - kam der Penter zum Einsatz. Er wurde einmal gefaltet und hatte damit eine handliche Länge. Das Leder klatschte auf meinen Hintern und allein der Gedanke an diesen Ton ließ mich schon vor Schmerzen aufschreien.

Wenn ich schnell genug war, konnte ich unter das Bett entwischen. Dort war ich unerreichbar und kam nicht mehr hervor. Drohungen nützten nichts mehr. Erst wenn der Zorn verraucht war und Mutter ver­sprochen hatte mich nicht mehr zu schlagen, kam ich vorsichtig und die Tränen abwischend hervor.

Immer war ich jedoch nicht so schnell. Dann machte der Lederriemen klatschende Geräusche, die Schwestern umkreisten uns heulend, hielten Mutter am Kleid fest und verlangten Einhalt: „Schlag ihn nicht!“

Hinterher war Mutter erschöpft, weinte selber und überließ mich meinem Elend.

Beim letzten Mal war ich schon dreizehn Jahre alt. Wir hatten gemeinsam im Garten gearbeitet. Ich musste Erde vom Komposthaufen mit der Schubkarre zum Gemüse­garten fahren. Das war schwere Arbeit für mich gewesen und ich gebe zu: Ich hatte keine rechte Lust dazu gehabt. Die Karre kippte an einer falschen Stelle um, ich maulte und ein freches Wort ergab das andere. Schließlich rannte ich die Treppe hoch in mein Zimmer. Mutter lief zornesrot hinterher, schnappte sich den Ledergürtel und schlug mit erhobenem Arm von oben auf mich ein. Zur Abwehr hielt ich die Arme vor das Gesicht, die Fäuste geballt. Früher konnte sie mich am Hosenboden fassen und den Hintern versohlen. Jetzt prasselten die Hiebe gegen die Arme und das Gesicht. Ich wand mich hin und her. Wir schrien beide – ich vor Schmerz und beide vor ohnmächtiger Wut.

 

Schließlich ließ ich mich rückwärts mit ausgebreiteten Armen auf mein Bett fallen, sah ihr leer ins Gesicht und schrie sie an:

„Schlag mich doch tot, das hättest du schon früher machen sollen!“

Ein Schlag traf mich noch mit voller Wucht, dann war es still. Sie ging, ich schluchzte vor mich hin und blieb liegen. Der Kopf war leer, ich wollte sterben.

 

Anton

 

 

Eigentlich habe ich sieben Väter. So viele waren es, die über meine Mutter herfielen.

 

Eigentlich sollten wir - sie und ich - nicht leben. Der Letzte wollte sie erschießen.

 

Eigentlich verhinderte dies nur einer der Sieben. Ich wünsche mir, er ist mein Vater.

 

Eigentlich kann ich darüber bis heute nicht reden. Aber es schreit aus mir heraus.

 

Eigentlich möchte ich Hilfe haben. Vielleicht rede ich noch. Bevor ich sterbe.

 

Vielleicht ….

Birgrit

Mein Vater war ein IWAN

So erfuhr ich es:

“Birgrit, dein Vater ist ein Russe.” Es kommt unvermittelt.

Ich sitze in unserer Zinkbadewanne. Mutter schräg hinter mir am Küchentisch mit Nähzeug in der Hand. Sie muss mich nicht ansehen. Nackt erfahre ich die Wahrheit, in dem Moment fühle ich mich doppelt nackt. Guter Zeitpunkt. Am nächsten Tag schickt sie mich ins Kinderferienlager. Plötzlich bin ich ein Russenkind. Danach ist es lange kein Thema mehr. Aber endlich die lang ersehnte Klarheit.

***

„Schreib doch einmal alles auf, Mutti. Wir sind so zeitig aus dem Haus und wir wissen so wenig, eigentlich gar nichts. Du hast ja jetzt Zeit.“

 

So lautete die Bitte meiner Tochter, nachdem meine Mutter 2012 im Alter von 91 Jahren in einer langen Sterbephase ganz normal an Altersschwäche verstor­ben war. Meine kleine Familie, die aus meinen zwei Kindern und meinem Bruder besteht, hatte ein wenig Sorge, dass ich nun in das berühmte Loch fallen könnte.

Die letzten Jahre waren für mich von der Pflege der Mutter geprägt. Bruder und Kinder im Ausland. Wie würde ich mit den gewonnenen Stunden Freizeit, die ich nun täglich hatte, umgehen?

Die lange Pflege und dann die Sterbezeit meiner Mutter hatten mich sichtlich verändert. Ich habe sie bis zu ihrem Ende gepflegt, obwohl sie im Pflegeheim war. Meiner Hausärztin fiel auf, dass ich einer Depression nahe oder schon drin war. Ich hatte den Wunsch, meine Mutter würde mich mitnehmen. Mit diesen Gedanken stand ich die erste Zeit auch an ihrem Grab. Ohne Tränen. An der großen Grabstelle ist neben ihr noch ein Platz frei und ich dachte: Vielleicht nicht mehr lange.

Die Kinder sind selbständig, beruflich stabil und haben ihr eigenes Leben. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen. Das war im Herbst 2012.

Was hat das mit meiner Herkunft zu tun? Eigentlich nichts. Aber irgendwie doch. Ich hatte auf einmal Zeit für mich, Zeit, die ich nur für mich ganz allein verwenden konnte und musste. Eine neue und ungewohnte Rolle in meinem eigenen Leben. Ich bekam bald wieder Neugier auf Dinge, die ich Jahrzehnte ausgeblendet hatte. Bisher stand anderes immer im Vordergrund.

Die Arbeit, die Kinder, die Mutter. Ohne damit zu hadern. Alles zu seiner Zeit.

Die Arbeit, unerlässlich, sie gehört zum Leben. Nicht nur zum Broterwerb.

Die Kinder, späte Erfüllung, Freude und lange Zeit wichtigster Lebensinhalt.

Die Mutter, Verpflichtung, Verantwortung und Mitleid. Liebe? Ich weiß es nicht.

Ich dachte nun: “Wenn du irgendwann diese Welt verlässt, willst du wenigstens für deine Kinder kein unbeschriebenes Blatt sein. Einiges sollen sie wissen.”

Schließlich sind es auch ihre genetischen Wurzeln. Es soll ihnen nicht so gehen wie mir, dass, wenn sie zu fragen und sich dafür zu interessieren beginnen, keiner mehr da ist, der Antwort geben kann.

Ich bin ein Russenkind und nicht Ergebnis einer Verge­waltigung. Meine Mutter hatte eine Liebes­beziehung mit einem sowjetischen Besatzungsoffizier. Es soll Hundert­tausende auf dem Gebiet der ehema­ligen DDR gegeben haben. Kinder, die entweder aus einer Vergewaltigung und später, wie in meinem Fall, aus Liebesbeziehungen stammen.

Bis vor einem Jahr kannte ich nicht einen einzigen Menschen dieser Herkunft. In der DDR war es ein Tabu-Thema, offiziell wurden wir - die Russenkinder - wegge­schwiegen. Im Verwandten - oder Bekannten­kreis wurde darüber wohl hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Offen, mir gegenüber nie.

 

Bis zu meinem 14. Lebensjahr wusste ich nichts. Keiner klärte mich auf, keiner ließ es mich spüren. Ich merkte jedoch, irgend etwas stimmt nicht. Ich hatte eine normale Kindheit, ohne Vater eben, aber das war keine Seltenheit nach dem Krieg.

 

Über meinen Vater weiß ich nicht viel. Seine Einheit war in der Kleinstadt Zittau stationiert. Bis kurz zuvor war der Russe noch der Feind, von dem die Nazipropaganda Schreckensbilder zeichnete. Und durch den zwei Brüder meiner Mutter gefallen waren. Der eine bereits 1942 im tiefsten russischen Winter, im Vormarsch auf Moskau. Der andere kurz vor Kriegsende in Kurland, damals noch deutsch. Er galt als vermisst. Seine letzte Karte an meine Großmutter stammte von Anfang 1945. “Liebe Mutter, Gott sei Dank, wir sind wieder auf deutschem Boden und bald zu Hause.” Er sollte von einem Erkundungsgang nicht zurückkommen. Man nimmt an, er sei in einen Hinterhalt von Partisanen geraten.

 

Wie hunderte andere auch begaben sich 1945 aus Angst vor den Russen meine Mutter und Großmutter mit großen Teilen der Dorfbevölkerung auf die Flucht. Die nötigsten Habseligkeiten auf Leiterwagen ge­packt.

Angst vor den Russen! Angst vorm IWAN! Diese Bezeichnung hielt sich lange in der Bevölkerung. Einer von ihnen sollte mein Vater werden.

 

Heute wüsste ich gerne, wie sich meine Mutter gefühlt hat, als sie wusste, dass sie schwanger war. Von einem Russen. Sie war verheiratet. Der Mann noch nicht aus dem Krieg zurück. Und sie, ein Kind vom “Iwan”. Welche Blicke musste sie aushalten? Was wurde hinter ihrem Rücken geredet? Auf dem Dorf, wo jeder jeden kannte!

 

Eine Verwandte sagte mir erst kürzlich: “Du kannst ja nichts dafür. Aber deine Mutter hat sich mit einem Russen rumgewischt! Und sie wollte dich abtreiben lassen.”

Wenn es so war, habe ich sogar Verständnis. Heute.