9. Mai 2017

Liebe Distel - und Wurzelgeschwister,

 

Immer wenn ich zum Grab meiner Mutter gehe, komme ich am sowjetischen Friedhof - Gedenkstätte für den unbekannten sowjetischen Soldaten vorbei. Er ist gut gepflegt.

Ich verweile manchmal dort. Lese die Namen in russischer Schrift oder auf den meisten Tafeln nur: Unbekannter Soldat.

Ich hatte eine rote Nelke und eine weiße Rose mitgenommen und abgelegt.

Es hat mich schon bewegt, dass in diesem Jahr des Tages der Befreiung - man darf es hier wieder sagen - mit Blumengebinden gedacht wurde. Eines hatte die Gedenkschleife der Stadt Zittau. Auf einzelnen Gedenktafeln waren rote Rosen abgelegt worden.

Die Linke von Zittau hatte aufgerufen, sich dort zum Gedenken zu versammeln.

Ich hatte es erst am Abend des 8.Mai gelesen, weil ich einige Tage nicht zu Hause war.

So bin ich also heute dahin gegangen,am 9.Mai, das hatte ich sowieso vor. Die Gedenkrede von Stadträten oder Politikern vermisste ich nicht. Aber gut, dass sie sich wieder erinnern.

Das Datum der dort Bestatteten liegt um den 8.Mai 1945. 20Jährige, 25 jährige junge Männer in fremder Erde. Sucht sie aus der Heimat noch jemand? Hatten sie zu Hause Frau, Kind, Mutter? Die nie erfuhren wo sie gefallen sind?

Europa ist voller solcher Friedhöfe. Ich kann da immer nur große Trauer empfinden.

 

Meine Oma hat ihrem ältesten Sohn mit auf den Weg gegeben " Schieße auf keinen Menschen. Er hat auch eine Mutter, die um ihn bangt, so wie ich um dich"

Die Sicht einer Mutter! Er ist 1942 gefallen. Aber im Krieg gilt: ' Du' oder 'Ich', Hatte er einen Moment gezögert? War er bei der Auslöschung von Dörfern und bei Vergewaltigungen dabei? Er war Teil einer Truppe!

 

An solchen Tagen muss ich immer an die jungen Männer auf beiden Seiten denken. Ich bin seit meiner Kindheit mit der Trauer und den Tränen meiner Oma aufgewachsen. Sie hat ja zwei ihrer Söhne an der Ostfront verloren. Den zweiten kurz vor Kriegsende beim Rückzug.

 

Historisch und geschichtlich ist mir alles bewusst, da brauche ich keinen Geschichtsunterricht mehr und keine Gedenkreden. Auch das Unrecht, das vielen Unschuldigen nach Kriegsende durch die Besatzer widerfuhr, ist mir bekannt und bewusst.

 

Deshalb mag an solch einem Tag jeder auch seine persönliche Sichtweise haben, die wir uns gegenseitig auch zugestehen mögen.

 

Wer den Film " 4 Tage im Mai" noch nicht gesehen hat, link auf unserer Homepage-Startseite- vielleicht heute!

Ein Stück Menschlichkeit auf beiden Seiten in all dem sinnlosen Sterben, noch zum Kriegsende.

 

In Russland wird heute der Tag des Sieges begangen, zu Recht.

Ich grüße Euch alle herzlich

 

Birgrit

mit Gedanken an Marlene Dietrichs

'Sag mir wo die Blumen sind'