Born of War

Europäisches Kriegskinderforum und BOWin,

„BORN OF WAR international network“

 

von Henny Granum

 

In den 1950er und 60er Jahren wurde sowohl in der Schule als auch in den Familien viel über „den Krieg“ gesprochen – also über die deutsche Besetzung Dänemarks 1940 – 45. Es fehlten Kaffee und Zucker! In diesen fünf Jahren gab es viel Verdruss, Leid und Schmerz.

 

Als ich zwanzig Jahre später begann, mich beruflich für den 2.Weltkrieg zu interessieren, musste ich entdecken, dass die Leiden in Dänemark nichts waren im Vergleich zu den Grausamkeiten und Leiden, wie sie z.B. die Bevölkerungen in Ost- und Südeuropa durchleben mussten. Nein, verglichen mit diesen Ländern, in denen Krieg herrschte, war Dänemark wirklich „die Schlagsahnefront“.

 

Genauso fühlten sehr viele Kriegskinder in Dänemark, dass sie eine schwere Kindheit hatten mit vielen Schikanen - und Müttern, die fürs ganze Leben gezeichnet waren durch die Vorkommnisse während der Besatzung, (z.B. wurden ihre Namen und Adresse in illegalen Blättern und der Staatsanzeiger veröffentlicht, und ihnen wurden die Haare abgeschoren usw.) - und sowie mit mehr oder weniger guten Stiefvätern.

 

Aber später musste ich feststellen, dass unehelich geborene Kriegskinder in anderen Ländern, deren Väter der Wehrmacht angehörten, noch viel schlimmeren Geschehnissen ausgesetzt waren. Damit hatten sie einen viel schlechteren Start ins Leben bekommen, dessen Spuren bis ins Erwachsenenleben reichten. Womit könnten wir, „die Kinder des Feindes“, unsere eigenen Traumata bearbeiten? Und am allerwichtigsten: Könnten wir mit unseren Erfahrungen die Politiker auf die Lebensumstände der Kriegskinder aufmerksam machen, die jetzt und in Zukunft geboren werden?

 

„Die Zeit heilt alle Wunden“??

Die Zeit ist ein wichtiger Faktor und wir als Personen und Gesellschaft brauchen einen gewissen zeitlichen Abstand bevor wir uns zu „ernsten Dingen“ entspannt verhalten können – und je ernster der Fall ist, umso mehr Zeit brauchen wir, um ihn in Angriff nehmen zu können.

 

Vielleicht ist das Verhältnis der „Schlagsahnefront“ zu den viel ernsteren „Kriegsfronten“ der Grund dafür, dass der dänische Kriegskinderverein, DKBF, 1996 als einer der ersten gegründet wurde und sich als einer der stabilsten Kriegskindervereine gezeigt hat.

 

2001 erhielt DKBF eine Einladung nach Berlin, wo der Willy-Brandt-Preis vergeben wurde. Hier trafen wir, der Vorstand unseres Vereins, Arne Öland, und die Unterzeichnete, u.a. Kriegskinder von anderen Ländern, die vor den gleichen Problemen und Möglichkeiten wie wir standen. Das war der Anlass dafür, unsere Aufmerksamkeit auf andere und internationale Perspektiven für Kriegskinder zu lenken. Wir erfuhren vom Verein „Fantom e.V.“ und seinem Vorstand, Ludwig Norz, mit seinem jährlichen „Historikertreffen“ in Berlin, dass gerade zu diesem Zeitpunkt das Thema „Kriegskinder und Kriegsverbrechen“ auf seiner Tagesordnung standen. Somit gab es gute Gründe für eine jährliche Berlinreise zur Stärkung unserer internationalen Perspektiven.

 

„Kriegskinderforum“

Durch die Initiative von Ludwig Norz (auch Mitarbeiter von WASt) ergab sich die Möglichkeit, in Berlin ein „Kriegskinderforum“ zu gründen. Hier trafen sich erstmals an einem Samstag 2007 Kriegskinder aus Dänemark, Finnland, Norwegen, Frankreich und deutsche Lebensborn-Kinder mit einigen Historikern, Journalisten usw.

 

Diese Treffen fanden jedes Jahr Ende Oktober in der Deutschen Dienststelle, WASt, statt, wo eben die Möglichkeit gegeben war, deutsche Soldaten und ihre Kampfgebiete im 2. Weltkrieg ausfindig zu machen, ob sie überlebt hatten und wo sie sich gegebenenfalls als zivile Bürger niedergelassen hatten. An den nachfolgenden Montagen und Dienstagen wurden im nahe liegenden Landesarchiv „Historikertreffen“ mit Vorträgen abgehalten, die oft große Bedeutung für die Kriegskinderproblematik hatte.

 

Diese Treffen des „Kriegskinderforums“ waren sehr inspirierend, wurden aber bald auch sehr verwirrend. Es gab viele interessante und gute Vorhaben, aber eigentlich war es nur eine lockere Organisation, der es nicht gelang, die positiven Anregungen zu einer konstruktiven Aktivität zu verknüpfen.

 

Es gelang jedoch, Interesse für wesentliche gemeinsame Probleme zu wecken:

Das Recht zur biologischen Identität, das auch im Artikel 24 der EU – Charta zum Ausdruck kommt: Jedes Kind hat das Recht des persönlichen Anschlusses und des direkten Kontakts zu beiden Eltern, soweit das möglich ist.

Das Recht zur doppelten Staatsangehörigkeit – d.h. sowohl die Staatsangehörigkeit des Vaters wie der Mutter

Die Möglichkeit Hilfe zu finden und Kontakt zur väterlichen Seite zu bekommen.

 

Es wurde jedoch deutlich, dass wir innerhalb des Kreises den vielen Interessierten Bedarf für ein „Netzwerk“ ausschließlich für Kriegskinder hatten, um die es sich ja eigentlich drehte.

 

„BOWin“

Dieses Forum gründeten wir 2009 wiederum auf Initiative von Ludwig Norz und es bekam den Namen „BORN OF WAR international network“ - verkürzt „BOWin“. Die Leitung des Netzwerkes bestand aus je einem Vertreter der teilnehmenden nationalen Kriegskinder-Vereine, in diesem Fall war das unser Vorstand Arne Öland für DKBF.

 

Die Leitung wählte einen „Sprecher/Sprecherin“, wobei die Wahl auf die sehr aktive Gerlinda Swillen aus Belgien fiel, die sich in einem sehr reifen Alter dazu entschlossen hatte, die Verhältnisse für belgische Kriegskinder zu studieren und die Studien bis zu einem Doktorgrad zu führen.

 

Nationale Vertreter in der neu gegründeten Netzwerk”BOWin”, 2009.

Links: Volker Röder (D), Thorleif Blatt (N), Arne Øland (DK), Marie-Cecile Zipperling (FR), Gerlinda Swillen (BE), Jean-Jaques Delorme (FR), Erika Holmbom (FI)

 

Gerlinda arbeitete sehr viel für das neue Netzwerk, machte Entwürfe für Satzungen usw. Ich entwarf eine Website für das Netzwerk, die in 3 Sprachen erscheinen sollte – englisch, deutsch und französisch und als Webmaster habe ich auch seit 2010 an den BOWin-Treffen teilgenommen. Siehe http://www.bowin.eu.

 

Mit Gerlinda als führende Kraft arrangierten wir 2010 eine Pressekonferenz über Kriegskinder im Deutschen Bundestag. Auch einige Bücher über Kriegskinder wurden herausgegeben, ein Buch über europäische Kriegskinder soll 2016 folgen.

 

Es wurden Buchlesungen und Fotoausstellungen in mehreren Ländern veranstaltet und Interviews zu Radioprogrammen und kulturellen Veranstaltungen gegeben, wie z.B. die neu geschriebenen „Kriegskinder-Gedichte“ von Julia de Boor2. Dabei wurde das Gedicht zusammen mit dem Foto eines Lebensbornkindes (2001)3, das Anlass zu dem Gedicht gegeben hatte, veröffentlicht und das Gedicht wurde vorgelesen oder von ihr selbst mit musikalischer Begleitung gesungen.

 

Seither wurde das Netzwerk um „GI-Trace-Besatzungskinder erweitert (deutsche Mütter und meistens amerikanische Väter) und „Diestelblüten-Russenkinder in Deutschland“ (deutsche Mütter und russische Väter).

 

Die Zukunft ??

Leider wurden viele gute Beschlüsse nicht in die Tat umgesetzt und es ist schwer, jemanden zu finden, der die große Verantwortung für die gemeinsame internationale Aufgabe übernehmen will.

 

Und woran mag das wohl liegen? Sicherlich an sehr vielen Dingen. Aber eine der Ursachen ist, dass Kriegskinderforum und BOWin keine Mittel haben, obwohl der Einsatz ein Thema für EU-Unterstützung ist.

 

Die Treffen werden auf Deutsch abgehalten, was zu Problemen geführt hat, weil wir 5 – 6 verschiedene nationale Sprachen im Verein haben und die „Franzosen nur französisch sprechen“. Fehlender Dolmetscherbeistand und kulturelle Unterschiede zwischen den Ländern waren somit auch eine Herausforderung.

 

Vielleicht hatten die einzelnen Vereine genug mit internen Problemen zu tun? Und starke Persönlichkeiten mit besonderen Ideen und Motivationen für die freiwillige Arbeit tun sich oft schwer, eine reibungslose Zusammenarbeitsform zu finden. Hinzu kommen das fortgeschrittene Alter aller Mitglieder in den europäischen Kriegskindervereinen und das Fehlen der neuen Generation um zu übernehmen.

 

Bei dem jährlichen Treffen im Oktober hatte niemand den Mut sich zur Wahl als Sprecher/Sprecherin von BOWin im kommenden Jahr zu stellen – und dies trotz großer Einigkeit darüber, dass es außerordentlich wichtig ist, dass BOWin seine Tätigkeit fortsetzen solle.

 

Das Resultat war, dass ich vorübergehend Sprecherin von BOWin wurde.

 

Jetzt müssen wir sehen, ob wir im Laufe von 2016 einige Resultate erzielen können, die uns Mut zur Fortsetzung geben. Die aktuellen Aufgaben sind z.B. die Öffnung der französischen Archive und das Erreichen der doppelten Staatsbürgerschaft für die Kriegskinder, die das wünschen.

 

Ich bin gerade dabei, näher nachzuschauen, womit sich Kriegskinderforum und BOWin jeweils (2007 – 2010) und (2011 – 2015) beschäftigt haben und im Besonderen, wo es uns nicht gelungen ist etwas zu erreichen trotz beschlussmäßiger Auflage. Hoffentlich kann das ein nützlicher Input für die Planung werden, was wir jetzt in diesem Jahr tun können und - wie wir dies tun können.