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Unten auf dieser Seite ist ein Textbeitrag von Marianne vom März 15 zur Identitätsentwicklung von Russenkindern.

vaterlos und ausgegrenzt

 

So lautete das Thema der abendlichen Podiumsdiskussion am 4.Juni 2015 im Rahmen des zweitägigen Symposiums in Hannover.

Im wunderschönen Ambiente des Herrenhauser Schlosses hatten die VW Stiftung als Gastgeber und die Organisatoren der Leipziger Uni, Abt. für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie diese Veranstaltung möglich gemacht.

Annähernd 80 Besucher, Tagungsteilnehmer und interessierte Bürger, waren gekommen.

PD Dr. Philipp Kuwert stellte einen Impulsvortrag voran und Ute Baur-Timmerbrink las aus ihrem Buch " Besatzungskinder - Die Töchter und Söhne alliierter Soldaten in Deutschland"

 

In bisherigen Tagungen, in der Forschung, in Medien und Literatur hatten die Kinder sowjetischer Armeeangehöriger vergleichsweise zu den anderen Alliierten wenig Raum zur Darstellung ihres Weges als russische Besatzungskinder. In diesem Jahr, 70 Jahre nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges, widmen sich Forschungsabteilungen an Universitäten auch verstärkt den Russenkindern und Medien greifen in größerem Umfang diese Thematik auf.

 

Die drei geladenen Russenkinder stellten die Hälfte der Podiumsgäste. 

Birgrit Michler stellte die Gruppe der Russenkinder in Deutschland vor, die als Ergebnis einer Studie der Leipziger Universität 2014 entstanden ist.

Marianne Gutmann äußerte sich zu einigen Aspekten der Identitätsentwicklung der Russenkinder.

Winfried Behlau sprach über das Buch "Distelblüten - Russenkinder in Deutschland".

 

Birgrit:

Die wenigen Gedanken, die zu Beginn bei der kurzen persönlichen Vorstellung geäußert wurden, machten deutlich, dass es im Wesentlichen drei unterschiedliche Gruppierungen gibt, die sich in der gesamten Gruppe der Russenkinder wiederfinden.

Das sind jene, die wie Winfried Behlau, aus einer Vergewaltigung stammen.

Andere, wie Marianne Gutmann und ich selbst, gingen aus einer Liebesbeziehung der Mutter mit einem sowjetischen Besatzungssoldaten hervor. Alle haben sehr unterschiedlichen Erfahrungen in der Kindheit gemacht. Der Umgang in den Familien, das Schweigen der Mütter, teilweise bis zum Tod, hat viele geprägt. Die späte Vatersuche, vor allem der Betroffenen aus der ehemaligen DDR, ist der Tatsache geschuldet, dass das Thema Russenkinder in der Gesellschaft ein Tabu war.

Manche, wie Marianne, können auf eine erfolgreiche Vatersuche verweisen.

Andere suchen noch und erhoffen sich Hilfe dabei.

Die Gruppe der "Russenkinder" in Deutschland hat sich im März 2015 zum zweiten Male in Leipzig getroffen.

War es im Jahr zuvor noch ein erstes Kennenlernen von 9 Teilnehmer, so waren 2015 bereits 15 gekommen. Nicht nur zahlenmäßig ist die Gruppe gewachsen. Einige haben sich in die Öffentlichkeit gewagt und so anderen Mut gemacht, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Über 25 Kontakte bestehen und es wird deutlich, dass einige immer noch zaghaft sind, eine Hemmschwelle überwinden müssen, um gegenüber anderen über ihre Herkunft und diesen Teil ihrer Biografie zu sprechen.

Ich gehöre zu den wenigen, die weder Traumatisierung, Stigmatisierung und Ablehnung erfahren hat. In der Familie nicht und nicht in meinem Umfeld. Und ich bin immer offen damit umgegangen.

 

Ich kann für mich sagen: Vaterlos ja - ausgegrenzt nie.

Persönlich stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ist es unseren Vätern nach dem Krieg ergangen? Was ist mit denen geschehen, die plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwanden? Diese Frage beschäftigt viele von uns.

 

Zu einer herzlichen Begegnungen kam es nach der Podiumsdiskussion im Foyer. Ein Russenkind aus der Nähe von Hannover, die von der Veranstaltung gelesen hatte, war gekommen. Ohne Scheu gab es eine herzliche Umarmung und ein vertrauensvolles Gespräch.

Die offenen Gespräche mit Bürgern, machten das Interesse an dem Thema deutlich. Die Resonanz macht Mut, weiter die Öffentlichkeit zu suchen und damit Betroffenen zu helfen, aus dem Schatten zu treten, in dem sich viele zu diesem Teil ihrer Biografie noch befinden.

 

Winfried:

Buch: „Distelblüten – Russenkinder in Deutschland.“ ISBN 978-3-944665-04-7

 

Beim ersten Treffen der Russenkinder in Leipzig am 6. März 2014 hörte ich einige Male: Jetzt habe ich zum ersten Mal über meine Herkunft geredet. Weil das Sprechen eine Befreiung bedeutete, beschlossen wir, mit unseren Geschichten in die Öffentlichkeit zu gehen.

Meine Aufgabe war es, Biografien zu sammeln und in einem Buch, das im Handel erhältlich sein sollte, zu publizieren. Der Start war mühsam. Es schien schwierig zu sein, den Stift in die Hand zu nehmen und zu beginnen.

Wir besuchten einige Russenkinder, um Ihnen die Hemmung beim Start zu nehmen.

Weihnachten 2014 war eine bescheidene Textsammlung mit 152 Seiten fertig. Diese ging zunächst mit 200 Exemplaren und später mit 500 in den Druck. (3. Auflage 1500 ab Juli 2015)

Buch, Presse und Radio- und TV Berichte führen seitdem dazu, dass sich neue Russenkinder melden, uns gratulieren und sich bedanken, dass wir in die Öffentlichkeit gegangen sind. Sie sagen auch, dass sie nie über ihren Fall gesprochen hätten.

 

Für uns Autorinnen und Autoren und bedeutete der Gang in die Öffentlichkeit eine Befreiung von altem Ballast. Die Reaktionen der Leser sind durchweg positiv und anerkennend - auch von Wissenschaftlern. Innerhalb des eigenen Bekannten- und Verwandtenkreises kam es zu unterschiedlichen Reaktionen. „Warum müsst ihr die alten Sachen an die Öffentlichkeit ziehen?“

„Das hat unsere Mutter nicht verdient.“ „Ich ändere mein Testament.“

Aber auch: „Alte Missstimmungen in der Familie sind beseitigt.“

Wir haben Interviews gegeben, die zu längeren Zeitungsartikeln führten oder zu Radio- und TV Beiträgen. Leider sind die Darstellungen nicht immer richtig. Wir haben den Eindruck, dass manche Journalisten um der Sensation willen doch gern aufbauschen oder schlichtweg falsch darstellen. Das passiert sogar in wissenschaftlichen Darstellungen, was besonders bedauerlich ist.

Speziell zum Buch „Distelblüten - Russenkinder in Deutschland“ haben wir eine eigene Homepage erstellt. Die sehr kurze Geschichte von Anton „Eigentlich“ ist in einen 90 Sekunden Video Clip dargestellt. Diesen Clip konnten wir in Hannover während der Podiumsdiskussion einspielen. Er bringt die Sache emotional auf den Punkt. Man kann ihn auf unserer Homepage http://russenkinder-distelblueten.de/buch/hörprobe.html anschauen.

Wir begrüßen die mit dem Buch eingesetzte Entwicklung. Sie bricht an vielen Stellen mit dem Schweigen. Wir wünschen uns, dass auch in Russland eine ähnliche Entwicklung einsetzt. Denn dort gibt es sehr viele Wehrmachtskinder, die in der Nachkriegszeit leiden mussten. Offiziell liegt der Mantel des Schweigens über ihnen.

 

Marianne

Auch von mir: herzlichen Dank für die Einladung an uns Russenkinder-Veteranen. Drei Aspekte möchte hier herausgreifen.

-Unsere Schicksale machen deutlich, wie viele Jahrzehnte die Spuren des Krieges in den seelischen Wunden von Kindern erkennbar bleiben, selbst wenn die Lebensbewältigung erfolgreich war.

Das Schicksal der Mütter und Kinder in den aktuellen Konflikten der Welt sollte unbedingt in die Aufmerksamkeit der Gesellschaft gehoben werden, Hilfsmöglichkeiten gefunden werden, denn die Mütter brauchen Hilfe und Unterstützung. Diese Kinder werden die Zukunft mitbestimmen.

- Von besonderer Bedeutung ist für mich, auf welche Weise die Gegenwartshistoriker - mehrheitlich übrigens weiblich - mit uns als den Objekten ihrer Forschung menschlich verbunden sind. Ihr Engagement, die moralische und organisatorische Unterstützung hat unsere Russenkindergruppe möglich gemacht. Wir wiederum haben die Studie zur psychosozialen Situation der Besatzungskinder mitgetragen und unsere Beziehungen genutzt, um für die Teilnahme zu werben und zu motivieren.

- Diese Forschung hat unser Leben verändert. Das Interesse der Besucher der Podiumsveranstaltung am 4. Juni 2015 während und vor allem nach der Diskussion in den Gesprächen war ausgesprochen herzlich. "Ich habe mir noch nie Gedanken gemacht über das Thema Besatzungskinder" haben wir mehrfach gehört.

Am selben Tag erschien in der Thüringer Allgemeinen ein langer Artikel über meine schließlich erfolgreiche Vatersuche, übers Internet erfuhr mein russischer Halbbruder davon und schrieb einen berührenden Leserbrief "Von der anderen Seite".

 

Abschließende Gedanken, für uns selbst und an die Forschung gerichtet:

 

* Die Problematik der „Russenkinder“ bedarf einer weiteren Aufarbeitung. Besonders auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gibt es infolge des jahrzehntelangen Tabus eine große Dunkelziffer von Betroffenen, aber auch deutschlandweit.

* Nach dem Kennenlernen und dem geführten Erfahrungsaustausch, entwickelt sich nun der Wunsch, bei weiteren Zusammenkünften den Problemen mehr Zeit und Raum zu geben, die jetzt viele noch bewegen.

So u.a.: Das Schweigen der Mütter, z.T. Bis zum Tod. Jetziges Schweigen in den Familien.

Geschwisterploblematik. Bindungserfahrungen, Beziehungsfähigkeit sowohl bezüglich Lebenspartnerschaft als auch allgemein zu anderen Bezugspersonen.

Es wird die Frage aufgeworfen, ob dafür mit Unterstützung der Forschungsabteilungen fachkompetente psychologische Anleitung und Führung möglich ist, ähnlich einer Gruppentherapie z.B.Wochenendveranstaltung mit viel Raum für persönlichen Austausch untereinander.

 

Finden wir dafür Förderer ?

 

*An die Historiker und die Forschung geht der Wunsch, in ihrer Arbeit die Besatzungskinderproblematik in den östlichen Ländern ( ehemalige Sowjetunion, Polen, Balkanländer) zu befördern. Da diese doppelt betroffen sind, einerseits durch die Besatzung der Wehrmacht und dann durch die Sowjetarmee. Es wurden auch da Kinder hinterlassen. Wie gehen diese Länder damit um.

 

*Was führten unsere Väter für ein Leben nach dem Krieg? Haben auch sie geschwiegen bis zu ihrem Lebensende ? Gibt es dazu Studien?

Ist das ein relevantes Thema für die Forschung? Befasst sich in Russland oder den ehemaligen Sowjetrepubliken jemand damit?

 

Russenkindertreffen 20.-22.März 2015 in Leipzig

 

Liebe Teilnehmer, hier ist endlich die versprochene lesbare Version meiner Gedanken zum Treffen

 

Warum nehmen wir lange Reisen und Hotelkosten in Kauf? Warum lasssen wir uns auf persönliche und intime Themen ein? Warum gehen wir Beziehungen mit uns doch letztlich fremden Menschen ein? Warum sind wir bereit, uns zum Objekt von wissenschaftlichen Untersuchungen zu machen?

Ganz offensichtlich haben wir ein Bedürfnis, uns zu treffen und auszutauschen, denn alle vom letzten Jahr sind wiedergekommen, und wir dürfen neue Teilnehmer begrüßen.

 

Aspekt 1

 

Wer sind wir?

 

Wir sind - erwachsen und lebenstüchtig wie wir auch sein mögen - in einer Ecke unser Seelen Kinder geblieben. Kinder, die steckengeblieben sind in alten Wunden.

Wir haben alle die fast gleichen Fragen:

-„Wer ist mein Papa?“

-„Wo ist mein Papa?“

-„Weisst du, wo mein Papa ist, kannst du mir helfen, ihn zu finden?“

-„Schaut alle und freut euch mit mir: ich habe meinen Papa gefunden!“

-"Ich habe keine Chance, meinen Papa zu finden".

 

Begleitende Fragen sind z.B. „Warum war er nicht in meinem Leben anwesend, warum wurde er

verschwiegen, was war falsch an ihm? Warum muss ich etwas ausbaden, für das ich nichts kann?

 

Wir nennen uns

- Russenkinder: das klingt nach Trotz, da wird aus einem Schimpfwort ein Markenzeichen

- Distelblüten : hier zeigt sich die Breitschaft, die widersprüchlichen Seiten zu zeigen - ich bin nicht kleinzukriegen, bin wehrhaft und kratzig, aber wenn du mich nicht angreifst, blühe ich auf und lasse dich meine zarte und schöne Seite sehen

-Wurzelgeschwister: in der Tiefe gibt es einen Teil, den man erst ausgraben und erforschen muss, und dort bin ich nicht allein, da gibt es Geschwister, mir Verwandte

- Halblinge: wir wuseln durchs Leben auf der Suche nach Ergänzung, mit dem Bewusstsein des

Geminderten, des Unvollständigen, mit der Sehnsucht nach Vollständigkeit

 

 

Aspekt 2

 

Was eint uns?

 

Uns eint eine frühe Verletzung des kindlichen Bedürfnisses nach vollständigem Angenommen- und Wahrgenommen-Werden. Da sind Spuren eines gravierenden Mangels in der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse.

Für eine gesunde Entwicklung jeden Kindes ist die Versorgung mit Nahrung, körperlicher Zuwendung, Schutz vor Mangelerfahrung, starken Reizen und Beschädigung unabdingbar.

Einige von un haben etreme Belastungen bis hin zu körperlichen Misshandlungen erlebt und bewältigen müssen. Aber auch diejenigen von uns, die Glück hatten mit zumindest einer fürsorglichen Bezugsperson, erlebten eine Grundschädigung: das Wahrgenommenwerden aller Bedürfnisse war brüchig: Kinder spüren Tabus, Verschweigen, Abwendung und Ausweichen bei bestimmten Themen, Willkür von Verhalten und reagieren höchst sensibel darauf. Fast alle von uns berichten von solchen Erfahrungen.

Das Gesehen- und Akzeptiertwerden hinterläßt beim Kind die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, wie es die Entwicklungspsychologie nennt. Das heißt, es geht darum, die Erfahrung machen zu können, mit seinen Fragen, mit seinen Gefühlen, seinen Bedürfnis- und Willensäußerungen eine adäquate Reaktion und damit Resonanz oder Spiegelung erzeugen zu können. Auf der Basis dieser Selbstwirksamkeitserfahrung entwickelt sich das, was wir später Selbstbewusstsein oder Selbstsicherheit nennen.

Die Folge mangelnder Resonanz kann ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, des Nichtdazugehörens und damit des Fremdseins sein.

Viele andere Kinder haben unter der Nichtbefriedigung der hier geschilderten fundamentalen Bedürfnisse gelitten und Deprivationsschäden davongetragen. Aufgrund der besonderen Identitätsproblematik gibt es bei den Besatzungskindern jedoch spezielle Ausprägungen der Folgen.

 

 

 

 

Aspekt 3:

 

Wir sind nicht mehr isolierte Einzelne

 

 

Die Erfahrung, nicht allein zu sein, ist eine unglaublich heilende und produktive Kraft.

Mit dem Erwachsenwerden ist bei uns die Fähigkeit gewachsen, Dinge im Zusammenhang zu sehen und neu zu bewerten. Viele haben über ihr Schicksal gesprochen oder sich auf die Vatersuche begeben können. Aber entscheidend war, Menschen mit einem ähnlichen Schicksal kennenzulernen. Von Bedeutung war die Tagung des Boltzmann-Instituts 2012 in Wien. Da trafen sich eine Menge Einzelkämpfer, die sich bereits mit der Bitte um Hilfe an das Institut gewandt hatten oder ihr Einverständnis erklärt hatten, an der Studie teilzunehmen. Es entstand der Wunsch, sich kennenzulernen, sich auszutauschen oder zu vernetzen und wurde ein kraftvoller Antrieb. Die Wiener und Grazer Gruppe formierten sich, ebenso die Gruppen in Deutschland mit einer Fülle von Initiativen, Aktivitäten, Veröffentlichungen und Informationsveranstaltungen.

Das Interesse der Historikerinnen und Historiker hat uns dazu viel Energie gegeben

 

 

 

Aspekt 4:

 

Warum jetzt?

 

Wir sind in einem Alter, wo der Wunsch wächst, das Leben als Ganzes zu betrachten, die Zusammenhänge zu erkennen, eventuelle Muster zu verstehen, die Begrenzungen und Leistungen zu würdigen und zu akzeptieren. Die meisten arbeiten nicht mehr, haben Zeit. Das wäre die subjektive Seite. So unternehmen viele Betroffene Initiativen, ihre Geschichte zu erforschen und zu veröffentlichen.

Speziell in diesem Jahr, 70 Jahre nach Kriegsende, läuft alles zusammen: das mediale und gesellschaftliche Interesse an der Aufarbeitung hat günstige Bedingungen: es gibt Publikationen der Neuzeithistoriker, die auch unser Geschick zum Forschungsgegenstand gemacht haben, die Täter- und Opfergeneration des Nationalsozialismius stirbt aus, und die Folgegeneration kann sich unbelasteter den Themen zuwenden. Das Nachkriegsdeutschland ist ein starker souveräner Staat geworden, ist nicht mehr erpressbar gegenüber den alliierten Befreiern und kann sich selbstbewusst der objektiven Erforschung der Nachkriegszeit stellen, muss nicht mehr in Gefühlen von Schuld, Scham und in Sprachlosigkeit verharren.

 

Aspekt 5:

 

Die lange Vorgeschichte zum Jetzt

 

Der Beginn dieser Entwicklung liegt allerdings sehr weit zurück.

Ich sehe da als Momente

- die große Kulturrevolution der 1960er Jahre, die Hinwendung der Aufmerksamkeit auf Emotionales, Persönliches, Individuelles, die Thematisierung von Randgruppen, Minderheiten,

- die Thematisierung der Kindheit, Entwicklung der Psychologie, Erforschung von Prägung und Traumatisierung.

- die öffentliche Diskussion ehemals tabuisierter Themen, Betroffene äußerten und organisierten sich, das Bedürfnis nach Transparenz und Offenheit, nach Authentizität wächst, der Widerstand gegen Autorität und Bevormundung wird selbstverständlich,

- 70 Jahre friedliche Entwicklung in Europa, das Erstarken der Friedensbewegung, der Wunsch nach Versöhnung

- der Zuwachs an materieller Sicherheit, wir können es uns leisten, uns mit persönlichen, emotionalen Fragen zu beschäftigen. Tagebuchschreiber gab es sicherlich schon immer, aber die Fülle von Biographien, Stammbaumforschung und Erfahrungsberichten ist neu,

- die Geschichtswissenschaft nimmt die Subjektivität in den Blick, die „oral history“, die Befragung von Zeitzeugen wird wichtiger, Geschichte wird nicht mehr nur als das Produkt der Handlungen von Staatsmännern verstanden

- die Zeitzeugen des 2.Weltkriegs sterben aus, mit ihnen unsere Mütter und Väter. Das Zeitfenster schließt sich, wir müssen uns beeilen, wenn wir noch Informationen bekommen wollen

- ganz entscheidend : die technischen Möglichkeiten zur Informationsgewinnung und zum Informationsaustausch lassen völlig neue Möglichkeiten zu. Das Internet steht zur Verfügung.

 

 

Aspekt 6

 

Warum gehen wir an die Öffentlichkeit?

 

 

Warum glauben wir, für eine breitere Öffentlichkeit interessant zu sein? Ungerechte Behandlung in der Kindheit, Erleben von Ausgrenzung, Beschwerungen des Lebens sind wahrhaftig nichts Besonderes. Die Zugehörigkeit zu Randgruppen, Minderheiten, Gruppen mit besonderen Lebensbedingungen findet Aufmerksamkeit. Warum die Flut von Interviews, die Biographien, die ganze Wichtigtuerei bei uns Besatzungskindern?

Für jeden Menschen gilt doch, dass eine Grundspannung besteht zwischen der Tatsache, dass das einzelne Leben mal gerade ein Tropfen im Ozean der Menschheit ist, und gleichzeitig jedes Individuum sich als Mittelpunkt seines einzigen unverwechselbaren persönlichen Daseins erlebt. Das allein ist kein Grund, ein solches Aufheben zu veranstalten um die Geschichten von Suchen und Finden, Verletzungen und Bewältigung.

Ich denke, dass der Grund für das besondere Interesse und seine Berechtigung darin liegt, dass unsere Gruppe der Besatzungskinder in extrem markanter Weise eines anschaulich macht: nämlich wie das zufällige persönliche Schicksal hineingewoben ist in den Kontext der Zeit. Wir sind nur bedingt frei und selbstbestimmt, denn die politischen Verhältnisse, die herrschenden ideologischen Vorstellungen, die Machtverhältnisse, Sprache, religiöse Ansichten, die geformten Charaktere der Umwelt wirken auf uns ein. Sie bestimmen unsere Gefühle und fleischen sich darüber ein, wir verkörpern sie und werden damit zu Trägern und Agenten dieser Umstände.

Wir haben in diesen Bedingungen und aus ihnen heraus uns entwickelt, unsere Anliegen in die eigenen Hände genommen, Mut gezeigt, zu uns zu stehen, das Interesse und die Hilfsangebote unserer Mitmenschen als Energie zu nutzen. Resilienz heißt der Begriff, der das Wachstum unter widrigen Bedingungen bezeichnet. Seien wir stolz und dankbar.

Die Gesellschaft erkennt sich selbst, wenn sie den Umgang mit den Besatzungskindern zum Thema macht. Sie wird sich bewusst, in wieweit die Ideologien der Nazizeit, Vorurteile, Ignoranz und Feindseligkeit fortwirkten, das Verhalten der Menschen bestimmten, wie weit die Entfernung zu einer humanistischen Selbstverständlichkeit noch war.

Mit dem Abstand der Jahrzehnte können wir uns sowohl als Produkt und Opfer der Nachkriegsumstände erkennen, aber auch als diejenigen, die sich nicht mit den inhumanen Verformungen dieser Zeit zufrieden geben wollen, die Vorurteile und Feindseligkeiten aufzeigen, benennen und überwinden wollen.

Die Kinder, die aus Vergewaltigungen entstanden sind, mahnen, dass sie nicht verantwortlich gemacht werden dürfen für die Verhältnisse, die Krieg und Gewalt hervorbringen. Die Kinder, die aus einverständlichen Beziehungen hervorgegangen sind, erinnern daran, dass Menschen sich nicht dem Machtdiktat der Politik beugen müssen und die mitmenschliche Welt aufteilen müssen in Nationalitäten. Letztlich ist es der Zufall des Geburtsortes und der Zeit, der uns zum Teil einer Nation, Religion oder Überzeugungssystemen macht.

Durch unsere gespaltene Identität haben wir eine große Chance bekommen, am eigenen Leib den Irrsinn zu erleben, den der Zwang zu einer nationalen Identität bedeutet.

Wir müssen leider erkennen, dass es noch längst kein Ende hat mit Krieg, Gewalt, Ausgrenzung und Ungerechtigkeit, dass es noch weit hin ist bis zu einer humanen Welt, wenn die Menschheit sie denn wirklich schaffen sollte.

Ich sehe uns in der Gemeinschaft derer, die durch ihr eigenes Erleben sensibel geworden sind für die humanen Bedürfnisse, wie sie uns als Naturwesen so selbstverständlich und einfach sein sollten: Akzeptanz, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit, Vorurteilslosigkeit- kurz: Mitmenschlichkeit.

 

Marianne Gutmann

 

Mai 2015