Versöhnung

Versöhnung gibt es nicht nur gegenüber dem Anderen. Versöhnen und verzeihen muss man auch sich selber: Die Fehler, die man im Leben gemacht hat, die Fragen, die man nicht gestellt hat und die Antworten, die man nicht gegeben hat....

 

 

 

 

Ich gehe gern auf Friedhöfen spazieren, sehe mir Fürstengräber in Kathedralen an, wandere über Steinzeitgräber. Menschen, die dort überall in der Erde ruhen, haben vielleicht noch einen Namen, ihre Geschichte ruht oft woanders, sie sind tot und vergessen.

 

Meine Lippen waren lange verschlossen und es war zu Beginn mühsam sie zu öffnen, Tränen standen in den Augen, wenn die Erinnerung kam.

Nach der Befreiung sprudelten die Worte heraus und ich erlebte das Wunder, die eigenen Fesseln abzulegen.

Ich rede über meine Geschichte, will nicht im Rampenlicht stehen. Aber in einem Buch möchte ich sein, nicht namen- und geschichtslos in einem Grab enden.

Geschrieben für die vergewaltigte Frau, für das ausgetragene Kind, für die schweigenden Opfer sexueller Gewalt – Sprich. Wenn du erst zu Asche geworden sein wirst, ist deine verschwiegene Botschaft auch tot.

 

Entstanden aus einer Vergewaltigung. Erst nachdem ich offen war, konnte man mir sagen: „Wie schön, dass du da bist.“

Winfried Behlau

 

Bevor sie an Krebs starb hinterließ Dorothee Dribusch versöhnende Worte:

 

Hallo Winfried,

hast Du wirklich so ein Problem mit dem Ver­halten Deines Vaters? Man kann das Verhalten eines Menschen nicht losgelöst von den Um­ständen bewerten.

Was weißt Du darüber, was er in diesem Krieg schon alles miterlebt und mit erlitten hat? Hunger und Durst und Todesangst, den Anblick schreck­licher Wunden, qualvolles Sterben ohne jede medi­zinische Versorgung, den Tod von Familien­angehörigen und Freunden. Er muss, wie alle Soldaten zu dieser Zeit, stark traumatisiert ge­wesen sein durch das, was er erlebt hat. Und er war Teil einer Gruppe/Truppe, die ihm Halt gab. In dieser Gruppe wurde vergewaltigt, wie es zu al­len Zeiten üblich und akzeptiert war, dass nicht nur der materielle Besitz des Feindes, sondern auch dessen Frauen und Töchter dem Sieger zufie­len. Es gibt keinen Krieg, in dem die siegreichen Truppen sich nicht das Recht herausnahmen zu vergewaltigen. So, als sei das eine Art Naturrecht.

Aus der Distanz heraus gesehen ist das abscheulich. Aber wenn man selbst in solch einer entsetzlichen Situation steckt? Könnte nicht jeder von uns in einer entsprechenden Extremsituation zum Mörder werden? So wie jeder Mann zum Vergewaltiger werden kann, ebenfalls in einer Extremsituation. Wer an solch einem brutalen und grausamen und ungerechten Krieg teilnimmt und dabei nicht Schaden an der Seele nimmt, der ist ein Heiliger. Das war Dein Vater sicher nicht. Er war ein Mensch wie Millionen andere. Verzweifelt, verletzt, voll Wut, von Rache angetrieben, nicht mehr Herr seiner Sinne.

In Friedenszeiten war er vielleicht ein liebe­voller Ehemann und Vater. Du kannst es nicht wissen. Sicher ist nur, dass der Krieg das Gute im Menschen abtötet. Im Irak, in Afghanistan, überall auf der Welt.

 

Liebe Grüße D.