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11. Juli 2018

Dear Winfried,

Thank you for sending me your book. It was wonderful to hear you speak and I want to thank you for sharing your life story and what you have endured and overcome. It was such a pleasure to meet you and I'm very much looking forward to reading your book.

Very best wishes,

Z. Tel Aviv

 

 

14. Mai 2018

Liebe Russenkinder und Freunde,

zur Feier des 9. Mai sind einige von uns auf Einladung des Бессмертный полк (Unsterbliches Regiment) nach Moskau geflogen.

Die herrliche Moskaureise war schnell vorüber, dafür umso eindrucksvoller. Jedenfalls war es für uns fünf ein wunderbares, großartiges, beeindruckendes Erlebnis.

 

Wir sind wie Ehrengäste empfangen worden. Der Marsch war natürlich das größte Erlebnis, ein Höhepunkt, wie viele sagten. Drei von uns konnten mit einem Bild ihres gefundenen Vaters marschieren, zwei trugen eine Tafel, dass wir noch suchen. Für Monika kam ein Teil der russischen Familie mit: samt Nichten und Neffen waren es insgesamt 6 Personen. Zu Tatjana gesellte sich ihre Schwester Larisa aus Smolensk. Alles in allem waren wir ein schönes Grüppchen. Das Schwierigste war, einander nicht zu verlieren! Wir – Teil einer Menge von mehr als 1 Million Menschen, die die Twerskaja zum Roten Platz hinuntermarschierten. Sie alle wollen ihre Angehörigen, die für die Freiheit gekämpft haben, nicht vergessen lassen. Unbeschreiblich, überwältigend! Als dann der Zug am Roten Platz an der Tribüne mit den letzten verbliebenen Veteranen vorbeimarschierte, riefen alle „Спасибо“!

 

Man kann die Gefühle in Worten kaum ausdrücken. Für uns hat es noch eine andere, symbolische Bedeutung: eine Art Anerkennung als Befreiungskinder, als Kinder der damaligen sowjetischen Soldaten. Der Organisation des Бeссмертный полк samt den Sponsoren und Russland selbst sind wir dafür dankbar. Nun bräuchten wir nur noch Hilfe von offizieller Seite, unsere Väter zu identifizieren.

Zum Schluss noch ein link zum Interview von Tatjana und mir auf Russia Today:

 

https://www.youtube.com/watch?v=Kzsf4FgFNJY

 

und eine kleine Auswahl aus meinen Fotos:

 

https://photos.app.goo.gl/P2uh9Cx4Zq7xFmZ52

 

Liebe Grüße

Eleonore

 

 

13. Mai 2018

Ich will heute von meinem Vortrag in USA berichten.

Gestern also hielt ich meinen Vortrag in unserem community center. Sponsor war unsere Buecherei.

 

Es waren viele Leute dort, die interessiert zugehoert haben. Nach meinem Vortrag hatten wir noch eine halbe Stunde fuer Fragen. Viele Leute sind danach dageblieben und haben mich persoenlich angesprochen. Es war ein voller Erfolg. Ein pensionierter Offizier fragte mich, ob ich auf dem Luftwaffenstuetzpunkt meinen Vortrag wiederholen wuerde. Auch fragte mich die Bibliothekarin, die alles arrangiert hatte, ob ich meinen Vortrag noch an anderen Stellen wiederholen wuerde. Natuerlich wuerde ich das alles machen.

 

Ich hatte flyer mit Kontaktinformation und die waren fast alle vergriffen. Ausserdem habe ich mich zur Verfuegung gestellt falls jemand Schwierigkeiten hat, Kontakt aufzunehmen mit Euch oder den Universitaeten.

 

Ich fand auch heraus, dass in einer unserer Buecherein zwei Russinnen Bibliothekarinnen sind. Wenn sie dazu bereit sind, werde ich mit ihnen sprechen. Also werden wir sehen, wo das eventuell hinfuehrt.

 

Ich sprach gestern auch mit einer 82 jaehrigen Frau, die in Berlin aufgewachsen ist. Sie sagte, dass sie erst jetzt, in ihrem Alter, ueber die schlimmen Sachen erzaehlen kann, die ihr und ihrer Familie wiederfahren sind.

liebe Gruesse von

Ursula

 

 

 

11.Mai 2018

 

März 2018

Meine Reise nach Ottawa – Kanada zwecks Teilnahme an der Universität Ottawa – in Ottawa - zu dem Workshop Gewalt an Frauen

 

(Die komplette Info dazu gibt es auf unserer Distelblueten Website, daher gehe ich ich nicht in das Detail)

 

Ich habe mir lange überlegt, ob ich diese Reise nach Ottawa antreten sollte oder nicht, weil ich grundsätzlich nur fliege, wenn es keine andere Möglichkeit gibt und daher mit dem Greyhoundbus reise und das ist immer sehr aufregend, da der Bus nie pünktlich am Ziel ankommt weil es zu Dauerverspätungen kommt. Aber der Trip nach Ottawa war die einzige Moeglichkeit Winfried und seine Frau endlich persönlich kennenzulernen und als ich mich endlich entschlossen hatte, konnte mich nichts mehr halten.

 

Die Reise ging los in Tallahassee – der Hauptstadt von Florida, ich wohne ca. 60 Meilen entfernt. Es war wie immer eine interessante Reise, vor allen Dingen an der Grenze nach Kanada (Detroit), wo der Einwanderungsbeamte mich anbrüllte was ich in Kanada will, ich zeigte ihm den Prospekt von der Uni Ottawa und dann wünschte er mir genauso brüllend einen schönen Aufenthalt. Nun war ich endlich in Kanada und kam dann mit Verspätung in Ottawa an, ich nahm ein Taxi zum Bed and Breakfast Inn, wo auch Winfried wohnte und gleich früh am morgen machten wir uns bekannt und es war supertoll beide Behlaus endlich kennenzulernen. Danach hatten wir ein tolles Frühstück zusammen und dann ging es in die Uni.

 

Den genauen Ablauf von dem Workshop könnt ihr ja auf unserer Website nachlesen, so beschränke ich mich auf meinen persönlichen Eindruck. Also, es war schon erstaunlich für mich, dass man an der Uni Ottawa sich für uns Russenkinder interessierte – und auch das andere Thema, wo es sich um die misshandelten Frauen von Bosnien Herzegowina handelte. Es gab an zwei Abenden Filme zu diesem Thema zu sehen, die mir sehr unter die Haut gingen. Dann war ich auch sehr überwältigt von der Sprecherin Lelja Damon die uns ihre Geschichte vorgetragen hat wie sie ihre leibliche Mutter nach jahrelanger Suche gefunden hat. Winfried war der absolute Superstar mit seinem Vortrag, sehr interessant waren dann auch die Diskusionen nach den Vorträgen der Sprecher. Für diesen Workshop muss man sich bei Agatha Schwartz bedanken, denn ohne sie hätte dieser nie stattgefunden.

 

Beim Workshop waren einige Mitglieder von der deutschen Botschaft in Ottawa anwesend und wir wurden zum Essen eingeladen am nächsten Tag, beim Italiener, war sehr schön.

 

Ansonsten war es für mich zu kalt in Kanada, bis zu 30 Grad unter Null, ich hatte nicht das passende Schuhwerk dabei weil ich ja in den Tropen wohne und musste mir daher teure Alpinstiefel kaufen wo ich hier absolut nicht brauche. Die Tage mit Winfried und Frau waren sehr schön, wir haben einiges zusammen unternommen. Am letzten Abend hat uns Agatha Schwartz zum Essen in - “Das Lokal “- eingeladen, deutsches Essen, das war der krönende Abschluss.

 

Leider war der Aufenthalt in Ottawa viel zu schnell vorbei, die Heimreise war dann noch viel länger mit 15 Stunden Verspätung.

 

Renate B. Florida USA

 

 

8. Mai 2018

Hallo,

 

ich habe diesen interessanten Artikel beim Tagesspiegel gefunden:

https://www.tagesspiegel.de/politik/kriegsende-am-8-mai-1945-von-deutscher-identitaet/21253550.html

dies an Euch und die anderen Distel-Schwestern und -Brüder zur Info zum Ende des 2. Weltkriegs - mit Gruß!

Uli

 

 

8. Mai 2018 Kriegsende

(Bezug auf "Der Irrtum" aus Polen, nachzulesen unten auf der Seite POLSKA)

Das ist eine schoene Geschichte. Als Deutscher liest man mit Erleichterung, dass es auch anstaendige Deutsche Soldaten gegeben hat.

 

Das erinnert mich an meinen Berliner Grossvater. Mein Vater hatte ein Taschenmesser, das er von seinem Vater geerbt hatte, das er mir spaeter gegeben hat und das mein Sohn jetzt hat. Das Messer hat eine Geschichte, die auf den Ersten Weltkrieg zurueckgeht. Mein Grossvater war an der Russischen Front stationiert. Eines nachts, als er Wache stand, versuchte er, seine Pfeife anzuzuenden. Jedesmal, wenn er versuchte, ein Streichholz anzuzuenden wurde die Flamme ausgeblasen, obwohl es nicht windig war. Das passierte mehrmals bis er feststellte, dass da in der Dunkelheit jemand vor ihm stand. Es stellte sich heraus, dass es ein Russischer Soldat war, der die Flamme ausblies, um nicht erkannt zu werden. Irgendwie haben sie sich gegeneinander zu verstehen gegeben, dass sie den anderen nicht verraten werden. Als Erinnerung an dieses Erlebnis, tauschten sie ihre Taschenmeser aus.

Liebe Gruesse von

U (USA)

 

7. Mai 2018

 

Der Irrtum

Eine Dankbarkeit, die nie direkt geäußert wurde, schlummert irgendwo in den Winkeln der Erinnerung; sie ist eine lebendige Energie, obschon die Menschen, an die sie gerichtet ist, bereits namenlos von uns gegangen sind.

Dankbarkeit bewegt mich auch dazu, diese Geschichte aufzuschreiben. Ich möchte, nein, ich muss sie vor dem Vergessen bewahren.

 

Das Ganze ereignete sich während des zweiten Weltkrieges und betrifft meine schon lange nicht mehr lebenden Eltern.

Ich muss gestehen, dass mich weder als Kind noch als Jugendliche die Geschichten aus der Vergangenheit, die in meiner Familie kursierten, besonders interessiert haben.

Erst heute, als Erwachsene, spüre ich das starke Verlangen, einige Erzählungen fest zu halten.

 

Meine Eltern Alicja und Franciszek wohnten 1940 in dem kleinen Grenzstädtchen Terespol an der Bug, unweit von Lublin.

Das Gebiet war von Hitlerdeutschland besetzt worden, und im Städtchen hatte man deutsche Militärpolizisten stationiert. Mein Vater weilte oft in einer der Kneipen am Ort. Das von Leuten und Zigarettenrauch überquellende Lokal diente als Zentrale für den Austausch von Informationen und Tratsch sowie für den Schwarzhandel.

Die Militärpolizisten kamen zum Karten spielen und Bier trinken hierher. Mein Vater sprach gut deutsch und unterhielt sich manchmal mit ihnen.

Einer der Gendarmen, der hochgewachsene und rothaarige Georg (ich nenne ihn hier so, weil ich seinen wirklichen Namen nicht erinnere), war ein besonders freundlicher Mann.

Zusammen an der Bar lehnend und schon ziemlich betrunken, vergaßen Georg und mein Vater für einen Moment, dass sie eigentlich Feinde waren.

Georg gab Frank zu verstehen, dass er kein Befürworter des Krieges war.

Später zu Hause erzählte mein Vater meiner Mutter davon. Sie regte sich sehr auf und warf meinem Vater vor: „Franiu, wie kannst du dich mit diesem Deutschen befreunden! Bist du dir nicht im Klaren darüber, dass wir Krieg haben? Du bist total leichtsinnig!“

Hier möchte ich hinzufügen, dass Alicja von Natur aus eine sehr besonnene, verantwortungsbewusste und ernste Frau war. Franek erwiderte nur: „Krieg haben wir so oder so“, und traf sich weiterhin mit Georg.

Ein Jahr später verließen meine Eltern Terespol und mein Vater verlor den Kontakt zu dem rothaarigen Militärpolizisten.

 

Im Sommer 1944 lebten meine Eltern in Warschau. Sie ahnten nicht, dass in der Stadt ein Aufstand gegen die deutschen Besetzer vorbereitet wurde.

Den Warschauer Aufstand überlebten sie in Kellern, in denen sie Schutz vor Bomben fanden und entkamen durch Abwasserkanäle den gefährdeten Orten. Das war nicht leicht mit einem kleinen Kind- mein Bruder Andrzej war gerade mal drei Jahre alt.

Im September 1944 wurde der Aufstand niedergeschlagen.

Warschau hatte sich in ein Meer von Ruinen verwandelt. Die Bewohner der Hauptstadt, die überlebt hatten, wurden von den Deutschen angewiesen, sich an bestimmten Punkten in der Stadt zu sammeln. Von dort aus sollten sie in Konzentrationslager transportiert werden.

 

Alicja, Franek und der kleine Andrzej befanden sich in der Menschenmenge, die sich vor der zum Teil noch erhaltenen Kirche des hl. Franziskus in Warschau versammelt hatte. Sie waren erschöpft und hungrig, und ihre Gesichter hatten eine grünliche Farbe angenommen von der langen Zeit in den Kellern und Kanälen.

Um sie herum schrien die Deutschen Befehle.

Immer wieder fuhren leere Lastwagen vor die Kirche, in die weitere Menschengruppen brutal getrieben wurden.

In der Menschenmenge herrschte Verzweifling- alle wussten, dass sie in Todeslager gebracht wurden und dass sie in einem so geschwächten Zustand nur minimale Chancen zu überleben haben würden.

„Das ist unser Ende“, wiederholte Franek von Zeit zu Zeit resigniert, „das ist unser Ende.“ Schweigend beschäftigte sich Alicja mit ihrem Sohn.

 

Da bemerkte Franek plötzlich inmitten der deutschen Soldaten seinen rothaarigen Kumpel aus Terespol! Ein Funken Hoffnung glomm in ihm auf und er schrie aus Leibeskräften: „Georg, Georg!“

Der Soldat trat zu meinen Eltern und sagte verwundert: „Ich bin nicht Georg.“ Mein Vater betrachtete ihn verzweifelt. Tatsächlich, er hatte sich geirrt. Der kleine Hoffnungsschimmer in ihm erlosch. Für einen Moment sahen sich der Soldat und er schweigend in die Augen.

Der unbekannte rothaarige Soldat zögerte einen Moment, dann fügte er hinzu: „Georg ist mein Bruder.“

Franek begann fieberhaft zu erklären: „ Ich kannte Georg gut, wir waren befreundet, in Terespol…!“ Georgs Bruder sah sich nervös um und raunte meinem Vater zu: „Geh mit deiner Familie etwas zur Seite und warte dort drüben unter dem Baum. Ich komme gleich wieder.“

 

Ein paar der Nähe Stehende hatten das Versprechen gehört und so sammelte sich nach einer kurzen Zeit unsere zahlreiche „Familie“ unter dem Baum- Onkel, Tanten, Kusinen und Schwäger, zusammen ungefähr zwanzig Personen.

Ein paar Minuten vergingen. Georgs Bruder tauchte wieder auf und sah sich ungeduldig um. Nach einer kleinen Weile hielt unter dem Baum ein leerer Lastwagen.

„Los, los!“, schrie sie der rothaarige Soldat an und jagte alle, die unter dem Baum standen, in den LKW. Dann wechselte er leise ein paar Worte mit dem Fahrer des Lastwagens und verschwand.

Der geschlossene LKW fuhr über die löchrigen und Schutt bedeckten Warschauer Straßen, bis er auf staubigen Vorstadtwegen das Städtchen Włochy (heute ein Stadtteil Warschaus) erreichte. Dort befahl ihnen der ängstlich wirkende Fahrer schnell auszusteigen und fuhr davon.

Es zeigte sich, dass die deutsche Armee sich bereits aus Włochy zurück gezogen hatte.

 

Sie waren frei! Zwanzig Menschen waren von dem rothaarigen Soldaten und dem Lastwagenfahrer gerettet worden.

Von Ida Baj und Übersetzung von Rita Schäper

 

 

27. März 2018

Dear Winfried:

It was so wonderful to meet you and your wife, and also Renate, and hear your stories. You spoke with compassion and care and we benefitted greatly from your participation in the workshop. Thank you for sending me the English-language version of your book. I look forward to reading it. You and your group are doing very important work.

I am preparing for a trip to Australia, so I will arrange for an interview with you later.

Best wishes,

Christabelle

 

 

 

Gästebucheintrag 15. Januar 2018

 

Liebe Distelblüten,

ich bin auch eine von Euch und da ich seit einiger Zeit in Eurer Verteilerliste stehe und mitlese, denke ich, dass es an der Zeit ist, mich einmal kurz vorzustellen.

Vorerst aber ein paar Worte zu Renate: auch ich habe mir gestern Abend die Fernsehsendung über Renates Familientreffen angesehen. Sie hat mich sehr bewegt und aufgewühlt und ich freue mich sehr mit Renate über diese endlich von Erfolg gekrönte lange Suche! Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Durchhaltevermögen, liebe Renate, und mögen die nunmehr gewachsenen fehlenden Baumwurzeln weiter wachsen und sich kräftig entwickeln!

Nun zu mir: ich bin Dagmar, 1946 als Kind eines sowjetischen Offiziers in Berlin geboren und aufgewachsen. Speziell West-Berlin als Ort des Aufwachsens erscheint mir deshalb erwähnenswert, weil es in den 50-er Jahren die Hochburg des fortgesetzten Russenhasses und der Russenhetze in der neu gegründeten Bundesrepublik war. Verständlich, dass meine Mutter mich - und sicher auch sich selbst - vor Anfeindungen schützen wollte und deshalb anderen Menschen, aber auch mir, meine Herkunft verschwieg. Ich bekam unmittelbar nach meiner Geburt einen Stiefvater, der mich sofort in ein Heim geben wollte, was meine Großmutter verhinderte.

Zwischen meinem Stiefvater, einem Offizier der Nazi-Luftwaffe, und meinem unsichtbaren aber über allem schwebenden russischen Vater wuchs ich also im Spannungsfeld zweier sich feindlich gegenüberstehender Offiziere auf, da sich mein Stiefvater bis zu seinem Tod leider nicht von seinen Nazi-Zwangsgedanken vom „russischen Untermenschen“ befreien konnte.

Dass er damit außer meiner Mutter und mich in erster Linie sich selbst schädigte, hat er bis zu seinem Lebensende nicht im Entferntesten wahrgenommen, bzw. wahrnehmen wollen. Noch einmal kurz vor seinem Tod auf meinen leiblichen Vater angesprochen war das einzige, was er sagen konnte: „Der war später mal bei uns“. Was also fängt man über 70 Jahre nach den Geschehnissen mit so einer Auskunft an? Immerhin ermöglicht sie die vage Hoffnung darauf, dass mein nie gekannter Vater auch später in seinem Leben ab und zu an meine Mutter und an mich gedacht haben könnte.

Dass etwas an der von meinen Eltern dargestellten Biographie nicht stimmen konnte, hab ich schon als Kind gemerkt, wenn meine Eltern sich stritten und mein Stiefvater grundlos über mich herzog, meine Mutter und mich beschimpfte und mir aufgrund meines „ererbten Charakters“ eine rabenschwarze Zukunft prophezeite. Natürlich gab es auch bei uns die damals üblichen Erziehungsmethoden zum Austreiben des „slawischen Untermenschencharakters“, die viele von Euch ebenfalls kennengelernt haben. Ich muss dazu nicht in die Einzelheiten gehen, ihr kennst sie wahrscheinlich alle. Die Krone des Ganzen war, dass er meiner Mutter immer wieder vorwarf, dass sie mich liebte.

Nach dem frühen Tod meiner Mutter im Jahre 1965 - damals war ich 19 Jahre alt- war endlich Schluss damit. Aufgrund eigener Initiative erfuhr ich vom zuständigen Amtsgericht mehr über meine Herkunft. Ich zog sofort von zu Hause aus und begann, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen . Unter anderem mit dem Ziel, die zugefügten Verletzungen zu überwinden.

Jetzt, mit voranschreitendem Alter, denke ich zunehmend daran, dass ich wahrscheinlich noch eine Familie in Russland habe, sehe aber keinerlei Chance, sie jemals kennenzulernen, weil meine Mutter alle Begebenheiten und auch den Namen meines Vaters mit ins Grab genommen hat. Das würde ich ihr heute noch vorwerfen, würde sie leben..

Ihr Schweigen hat auch frühzeitig die Beziehung zwischen uns zerstört. Es gibt einige wenige Dinge, mitgeteilt in flüchtigen andeutenden Bemerkungen, die ich damals über meinen Vater ( ohne, dass er direkt benannt wurde) und „ die Russen im Allgemeinen“ erfahren habe. Diese Bemerkungen waren - ganz erstaunlich und daher auffällig - immer positiv belegt, ganz im Gegensatz zum politischen Klima im damaligen West- Berlin.

Ich bin meiner Mutter trotz allen Schweigens und Verschweigens dankbar dafür, dass sie mir frühzeitig eine sehr positive Sicht auf die Menschen des Landes, die so sehr unter den verbrecherischen Untaten unserer Stiefväter leiden mussten, vermittelt hat.

Meinem russischen Vater bin ich dankbar für die Erbanlagen, die er mir mitgegeben hat und die dazu beitrugen, dass ich gut und auch einigermaßen glücklich durch` s Leben kam.

Natürlich gäbe es noch viel mehr zu sagen, es soll aber an dieser Stelle genug sein, denn jetzt wisst Ihr ein wenig mehr darüber, mit wem Ihr es in der Mailingliste zu tun habt. Und ich freue mich darauf, Euch im April in Leipzig kennenzulernen.

Gruß von D