Monika

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Es ist immer wieder ein kleines Wunder, wenn nach Jahrzehnten noch der Vater besucht werden kann.

Ein Bericht unserer Freundin aus Österreich, Eleonore Dupuis, Autorin des Buches "Befreiungskind"

26.10.2016

Moskaureise mit Monika, Treffen mit ihrem Vater (21.-24.10.2016)

 

Gegen Ende Juli dieses Jahres bekam Monika von Vitalij Semionov (Genealoge und Historiker in Moskau) die Nachricht, er hätte ihre russische Familie gefunden und der Vater lebt noch! Die Freude war grenzenlos, nicht nur bei ihr, sondern bei uns allen. Monika wollte, dass ich sie zum ersten Treffen mit ihrem Vater begleite, zum Übersetzen und weil ich mich in Moskau auskenne.

Nun war es soweit. Am Flughafen Domodedovo erwartete uns Evgenij, der Bruder von Monika, mit seiner Tochter Mascha. Das Treffen war von Anfang an ein herzliches, mit freudiger Begrüßung, Umarmungen und so sah Monika ihre Ängste, eventuell nicht angenommen zu werden, langsam schwinden. Evgenij spricht ein wenig Deutsch, Mascha Englisch, sodass sich Monika auch direkt mit ihnen unterhalten konnte und mich nicht immer zum Übersetzen brauchte, nur für genauere Fragen und Erklärungen.

 

Wir nahmen den Aeroexpress ins Zentrum. Das ließ uns Zeit zum ersten Kennenlernen und Austausch. Evgenij begleitete uns bis zum Hotel Ismailovo, musste dann aber weg zu einer beruflichen Veranstaltung und ließ uns in der Obhut von Mascha, einem ganz lieben 17-jährigen Mädchen. Sie wartete unten in der Halle, bis wir die Koffer in die Zimmer bringen und uns ein wenig frisch machen konnten. Dann war mit ihr eine Metro-Tour zu den schönsten Stationen Moskaus vorgesehen. Vor der Station jedoch – es war schon ca. 19 Uhr - meinte Monika, sie sei nicht besonders erpicht auch die Metro, auch wenn die Stationen noch so schön sind, sie hat Hunger und möchten wir nicht lieber etwas essen gehen? Wir hatten den ganzen Tag über nur das wenige karge Essen im Flugzeug eingenommen. Also gingen wir eine Kleinigkeit essen und anschließend zurück ins Hotel, es war sowieso ein langer Tag für uns. Die gute Mascha hatte Einsehen. Sie hat ein sehr liebenswürdiges Wesen und ist dazu blitzgescheit.

 

Für den nächsten Tag hatte Evgenij mit uns verabredet, dass er uns um 11 Uhr vom Hotel abholt, um Monikas Vater zu treffen. Nach dem Frühstück hatten wir noch viel Zeit bis 11 Uhr, also gingen wir anschließend noch zum Teich, der sich im Park nahe dem Hotel befindet, spazieren. Mascha rief an, dass sie sich verspäten, und so saßen wir in der Hotelhalle, als plötzlich die ganze Familie hereinkam: der Vater, Evgenij, seine Frau und Mascha! Das war so unerwartet, denn mit dem Erscheinen des 92-jähhrigen Fjodor Fjodorowitsch im Hotel hatte niemand gerechnet! Glaubten wir doch, wir werden abgeholt zum Treffen mit ihm in der Wohnung!! Einerseits war es gut, denn das nahm die ganze Aufregung und Spannung von Monika, die sie sonst wahrscheinlich gehabt hätte, andererseits hatte niemand einen Fotoapparat in der Hand, als sich die beiden begrüßten und umarmten. Auch ich war so verwirrt, dass ich mit meinem Mobiltelefon nicht fotografieren konnte, es war wie verhext. Monika ging auf ihn zu und sagte auf Russisch: Ich bin Monika, deine Tochter! Aus Österreich! Aber er lächelte nur freundlich. Ein Erkennen war nicht sichtbar. Der Moment war nur sehr kurz, dann setzte sich die ganze Gesellschaft in Richtung Café in Bewegung. Nur Evgenij machte ein paar Fotos, aber die waren dann schon gestellt, nichts Spontanes. Erst im Café fand ich meinen Fotoapparat in der Tasche und konnte selbst die ersten Fotos machen.

Fjodor Fjodorowitsch ist leider schon fast taub, sieht sehr schlecht und kann sich kaum erinnern. Obwohl er damals im Jahr 1946 von Monikas Geburt wusste, Fotos bekam und selbst die wärmsten Briefe an ihre Mutter schrieb, kann er sich heute nicht an eine Tochter erinnern, auch nicht an ihre Mutter. Evgenij schrie ihm ein paarmal den Namen der Mutter ins Ohr, aber er schüttelte nur den Kopf. Als hingegen der Ort „Krems“ erwähnt wurde, sagte er, ja, dort war ich. In der Nähe von Krems hatten sich die beiden jungen Leute kennengelernt. Auch schien er bereitwillig zu akzeptieren, wenn ihm gesagt wurde, dass dies hier Monika, seine Tochter, sei. Hie und da sagte er auch einen ganz kurzen Satz auf Deutsch. Ganz zum Schluss des 2-stündigen Treffens, wo Geschenke ausgetauscht und viel geplaudert wurde – leider ohne die direkte Teilnahme des Vaters – sagte er mit stolzem Lächeln, wie froh er sei, so eine gute Familie zu haben. Er zeigte auf die russischen Verwandten, die ihm alle große Achtung und Ehrerbietung entgegenbringen. Dann fügte er noch hinzu, es sei schön, dass hier seine Familie aus verschiedenen Ländern vereint sei. Irgendetwas schien ihm doch klar zu werden. Es war aber alles zu viel an neuen Eindrücken für den alten Herrn.

 

Monika hingegen hat das erste Treffen meisterhaft überstanden. Sie zeigte nur Freude und lächelte, nahm zärtlich die Hand ihres Vaters und streichelte sie, ihre große Aufregung und die vorherigen Ängste hat sie gut verborgen. Natürlich tat es ihr leid, dass sie mit dem lange entbehrten Vater nun nicht einmal richtig reden konnte, aber wir alle haben versucht, ihr bewusst zu machen, welch großes Glück es sei und eine absolute Ausnahme, dass sie mit 70 Jahren überhaupt ihren Vater noch lebend antreffen durfte. Körperlich schien er gut in Form, er geht noch gut, macht jeden Tag vor offenem Fenster Gymnastik und Spaziergänge. Auch war er stolz auf sein gutes Aussehen für sein Alter. Er fragte Monika, für wie alt sie ihn halte. Natürlich wusste sie sein Alter. Aber sie musste sagen, er sähe aus wie 80. Da lächelte er zufrieden. Das wollte er hören.

 

Sein Gehör hat er schon viel früher durch die berufliche Laufbahn beim Militär und die Arbeit mit Panzern verloren. Er hatte es bis zum Oberst gebracht. Danach war er Professor an der Militärakademie, bis er die Fragen der Studenten nicht mehr verstand.

 

Den Rest des Tages haben wir mit Sightseeing verbracht, den Vater brachten sie nach Hause. Die Familie Lopatin war sehr besorgt, Monika so viel wie möglich von Moskau zu zeigen. Als dann noch ein Besuch des Kremls geplant war und Mascha schon in der Schlange zur Kassa stand, war Monika schon ganz schlecht vor Hunger, denn ans Essen hatte wieder einmal niemand gedacht. Das war ganz untypisch für Russland! Mascha brachte uns dann in die Stolowaja 77 im GUM, wo wir uns wenigstens ein bisschen stärken konnten. Dann gingen wir am Roten Platz herum, bis uns zu kalt wurde. Retour ins GUM, um auf Vitalij Semionov zu warten. Er war ja der eigentliche Held dieser geglückten Suche. Wir plauderten dann noch eine Zeitlang mit ihm beim Tee in einem Café. Zum Abschluss des Tages machte Evgenij noch eine große Rundfahrt in Moskau mit dem Auto, es war aber schon finster und man sah nicht so viel vom Auto aus. Erst um 22h kamen wir zurück ins Hotel.

 

Am nächsten Tag, Sonntag, kam gleich nach dem Frühstück Alevtina, die Tochter des anderen Bruders, Sergeij. Auch sie ist eine sehr liebe Person, spricht 7 Sprachen. Bald danach trafen Evgenij, seine Frau und eine Cousine ein, Sergeij sollten wir unterwegs treffen. Am Plan standen so viele Sehenswürdigkeiten, dass es eigentlich unmöglich war, dies alles an einem Tag zu schaffen. Bevor wir zum Starij Arbat kamen, fuhr uns Evgenij noch zu zwei großen Buchhandlungen im Zentrum. Das war ein Abstecher in meiner Sache, denn die Lieferung meiner russischen Bücher ins Hotel hatte nicht geklappt. So wollte ich versuchen, einige Exemplare direkt in einer Buchhandlung zu kaufen. In der ersten gab es vier Exemplare. Es ist schon ein schönes Gefühl, wenn man sein eigenes Buch in einem Geschäft in Moskau findet! Wir machten ein Foto. In der zweiten Buchhandlung gab es drei Exemplare, die ich auch aufkaufte. Das war zwar nicht viel, aber besser als gar nichts, denn ich brauche sie ja für die Präsentation im russischen Kulturinstitut in Wien.

 

Dann ging’s los. Verschiedene Plätze in Moskau. Leider blies ein kalter Wind, und so waren wir schließlich froh, als Evgenij den Vater holen fuhr. Wir sollten einstweilen mit seiner Frau vorausfahren zu einem riesigen neuen Shoppingcenter im Norden von Moskau. Dort warteten wir beim Aquarium, einer unglaublich hohen Glassäule mit Fischen darin. Als alle beisammen waren, waren wir 10 Personen. Evgenij lud uns alle in ein usbekisches Restaurant dort ein. Wieder hatten wir großen Hunger, es war bereits halb fünf. Das Essen war sehr gut. Monika saß neben ihrem Vater, es kam aber zwischen ihnen zu keiner richtigen Konversation. Dafür schnitt sie ihm das Fleisch und Gemüse klein, weil er ja so schlecht sieht.

 

Es war ein richtig schönes Familientreffen. Als wir dann heimfuhren, Mascha und ihr Großvater vor ihrem Wohnhaus ausstiegen und Monika sich endgültig von ihrem gerade erst gefundenen Vater verabschieden musste, war sie schon sehr traurig. Sie waren insgesamt nur zweimal ein paar Stunden zusammen. Aber die Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr ist groß, zumal der Vater gut in Form ist.

 

Im Hotel tranken wir zwei dann noch ein Gläschen Prosecco zusammen, um das erfolgreiche Erlebnis ein wenig nachzufeiern. Am nächsten Morgen traten wir bereits die Heimreise an.

Eleonore Dupuis

25.10.2016