Wyn

Vor mir liegt ein Stapel Briefe, die Goschi zwischen 1938 und 1945 geschrieben hat. Sie musste sich von ihrem jüdischen Mann scheiden lassen, der nach Theresienstadt kam.

WYN

Eingefrorene Spinnweben erinnern mich im Winter des Lebens an die gelebten Ereignisse des Lebens und wie  wir damit umgehen. 



Mein geliebter Hans,


Ich muss dir eine für uns beide furchtbar traurige Mitteilung machen. Ich habe in letzter Zeit große Schwierigkeiten Deinetwegen. Dazu kommen noch die Ereignisse der letzten Tage, also man zwingt mich, mich von dir scheiden zu lassen.


Du weißt doch, wie schwer mir dieser Schritt fällt, doch ich sehe keinen anderen Ausweg mehr. In Deinem Interesse und meinen Leuten zuliebe habe ich mich entschlossen, wohlgemerkt aus „Freien Stücken“ und nach reiflicher Überlegung, wo ich nicht mehr Herz, sondern Vernunft sprechen ließ.


Ich werde Samstag den 11. d.M. nach Prag kommen, um die Angelegenheit mit dir persönlich zu besprechen, da ich dir dies alles nicht schreiben kann.
Sei nicht traurig, mein armer Mann, Du hast doch das Vertrauen zu mir, daß ich immer nach meinem Gewissen handle…


Sonntag war ich in Promitzmit dem Rad. Ich soll Dir schöne Grüße ausrichten. A. hat für Dich schon wochenlang einen Brief vorbereitet – und nicht abgesandt – das sieht ihm ähnlich. Sonst geht es ihm gut, Du kennst ihn ja.


Kann ich für eine Nacht übernachten, die letzte. Schreib mir sofort. Ich wollte schon diesen Samstag kommen, aber der Mantel ist noch immer nicht fertig und ich möchte ihn persönlich mitbringen. Bitte, erschrick nicht, wenn Du die Klage inzwischen zugestellt bekommst. Ich lebe mit meinen Erinnerungen in der Vergangenheit.


Dein letzter Brief hat mich ein bisschen geärgert. Wofür hältst du mich denn, daß mir der gewisse Herr so imponiert. Du bist auf falschem Weg, aber jede Frau ärgert sich aus Eitelkeit, wenn sie von einer anderen ausgestochen wird. Übrigens interessiert er sich, wie es sich zeigt, eigentlich für niemanden und wir auch nicht mehr für ihn. Doch diese Sache ist nicht wert, daß man überhaupt Worte darüber verliert.


Die Dir eingesandte Schrift stammt von dem Bildhauer Pelikan, also ist meines Erachtens Deine Analyse nicht ganz richtig. Deshalb habe ich sie nicht weitergegeben. – Ich danke recht schön für Dein liebes Geschenk, den hübschen Gürtel.


Ich bin sehr traurig, aber gefasst, denn von innen sagt mir eine Stimme, daß ich richtig im richtigen Augenblick gehandelt habe. Auf Wiedersehen in einer Woche.


Viele Grüße von Deiner Goschi




Die Briefe sind auf 130 Seiten DIN A5 erfasst und als pdf erhältlich. Wir haben auch eine Printausgabe mit Hardcover in kleiner Auflage.



In der Stadt Olmütz wohnte das Paar. Dr. Hans Spitzer war Jude, konvertierte aber mit der Hochzeit. Er musste in Prag leben und später auch in Theresienstadt. Nach dem Krieg arbeitete er in München an der pädagogischen Hochschule als Leiter.


Wer Informationen zu ihm beitragen kann, möge sich bitte melden.