Peter

Im Buch Distelblüten findet man die Geschichte von Peter.

In der dritten Auflage auf Seite 88, in der zweiten Auflage auf Seite 100.


Im Land des unbekannten Vaters, die Reise zu meinen Wurzeln 


Im Ruhestand hatte ich das Bedürfnis, mehr über meinen Vater zu erfahren. Durch das „ Soldbuch“ hatte ich seinen Namen und Wohnort vorliegen: Tscheboksary in der autonomen Republik Tschuwaschien in der Russischen Föderation. Mit diesen Unterlagen begann ich die Suche im Internet. Bei meinen Recherchen fand ich einen Artikel über Tscheboksary.

Eine Bayerische Gemeinde pflegte freundschaftliche Beziehungen in dieser Stadt. Mit dem Initiator nahm ich Kontakt auf und er versprach mir, bei der Vatersuche zu helfen.

Nach längerem Warten kam die Meldung, es gäbe noch Angehörige meines Vaters: Eine Halbschwester mit Sohn und weitere nähere Verwandte.

Mein Vater verstarb 1982, seine letzte Ruhestätte befindet sich 120 Kilometer von Tscheboksary entfernt.

Nach einigen netten E-Mails mit den Ansprechpartnern in Tschuwaschien - keine Verwandten-entschied ich mich im September 2015 zu einer Reise in das Land meines Vaters.

Mein Flug ging über Moskau nach Kasan, der Hauptstadt von Tartastan. Mit gemischten Gefühlen saß ich im Flugzeug. Was erwartet mich in diesem fremden Land ohne Sprachkenntnisse, mit wenig Englisch und unbekannten Menschen?

Aber schon der erste Kontakt bei der Abholung wischte meine Bedenken fort. Die Begrüßung

war sehr herzlich, wie bei alten Freunden. In Tscheboksary wurde ich nach altem Brauch mit Brot und Salz und der Tschuwaschischen Flagge empfangen. Auch lernte ich meine Halbschwester kennen.

Es begann ein Kennenlernen der Heimat meines Vaters. Mein größtes Anliegen war, das Grab meines Vaters zu besuchen.


Mit zwei Autos machten wir uns auf den Weg nach Ibresi, 120 Kilometer von der Hauptstadt

entfernt. Mit dabei war meine Halbschwester und ihr Sohn.

Die Fahrt dorthin war informativ. Wir sahen riesige Getreidefelder, aufgelassene Kolchosen, dazwischen kleine Siedlungen, Birkenhaine und eine Straße, wie mit dem Lineal gezogen. Die Straßenführung stammte noch aus Stalins Zeiten, manchmal konnte man annehmen, der Zustand der Straße auch.Bei einer Pause begrüßte ich den Sohn von Elviera, einem stark gebauten Menschen. In ihm fand ich mich irgendwie wieder, er kam mir so vertraut vor, im Gegensatz zu seiner Mutter.

In Ibresi wurden wir mit dem Ortsvorsteher bekannt gemacht, der brachte uns zu dem aufgelassenen Russisch-Orthodoxen Friedhof. Es war ein stiller Ort, ein Friedwald. Nun begann die Suche nach dem Grab. Es gab zwar einen Plan, doch auf Anhieb wurde es nicht gefunden.

Als wir die Ruhestätte fanden, waren wir alle entsetzt: Ein Grabhügel, total überwuchert, namenlos. Meine Begleiter, im besten Anzug, begannen die wilde Bepflanzung zu entfernen. Es war ihnen sichtlich peinlich, das Grab eines Veteranen so vorzufinden.

Danach legte meine Halbschwester ein Tuch über den Hügel, Speisen wurden gedeckt. Es ist Brauch, so mit dem Toten zu speisen. Auch der obligatorische Wodka durfte nicht fehlen.

Nach dieser Zeremonie bat ich meine Begleiter, mich am Grab allein zu lassen. So konnte ich mit meinem Vater Zwiesprache halten. Ich betetefür meinen Vater und musste dabei des Öfteren heftig weinen. Wladimir nahm mich in den Arm.

Eine Woche später war das Grab in einem würdigen Zustand. Es war mit einem kleinen Zaun umgrenzt, auch eine Säule mit Bild und Aufschrift wurde angebracht.

Die Begegnung mit meiner Halbschwester war sehr frostig. Wahrscheinlich kannte sie meine Existenz nicht. Beim ersten Mal verweigerte sie mir den Handschlag.

Ich habe über das Leben meines Vaters wenig erfahren, er war zuletzt Maler und hatte die Auszeichnung „Held der Arbeit!“ Meine Freunde waren der einhelligen Meinung, dass dieses Grab eine Aufwertung bekommen müsse. Smirnow war immerhin Kapitan der siegreichen Sowjetarmee.


In diesen wenigen Tagen in Tscheboksary lernte ich viele nette Menschen kennen. Ohne Vorbehalte, alle begegneten mir sehr freundlich und hilfsbereit.

Meine Freunde, ein Professor und seine Tochter, auch eine Professorin, gaben sich so viel Mühe um mich. Ich hatte Glück, beide sprachen Deutsch, so hatte ich mit der Verständigung keine großen Probleme.

Für mich war es wichtig, meine Herkunft kennen zu lernen. Das Land, die Mentalität der Menschen und ihre Kultur.

Es gäbe noch mehr über diese Reise zu berichten, die Diskussion mit Studenten, das gemeinsame Abendessen mit Tschuwaschischen Patrioten und so weiter.

Als Sohn eines Russischen Hauptmannes, eines Veteranen, wurde ich sehr nobel behandelt.


Vier Jahre später, 2019 besuchte ich nochmals mit meiner Tochter Tschuwaschien. Meine Halbschwester war inzwischen verstorben. Zu meinen weiteren Verwandten habe ich keinen Kontakt mehr.

Seit meinem ersten Besuch besteht immer noch der Kontakt zu meinen Freunden. Wir telefonieren regelmäßig und schreiben uns E-Mails.

Ich bin dankbar, diese Reisen unternommen zu haben.