Johanna
Ich bin ein Besatzungskind aus Sachsen und wurde im Dezember 1954 geboren. Wie kam ich zu den „Distelblüten“ und wie hat sich seitdem mein Leben verändert?
Was war mein Vater für ein Mensch? Mich interessiert aus tiefstem Herzen, wer hat mir meine Gene gegeben? Was sind meine Wurzeln und wie haben sie mich indirekt geformt?
Johanna hat in der Sächsischen Zeitung den Bericht über unsere erfolgreiche Suche nach Christina gelesen. Ihr Geburtsort spielt da auch eine Rolle. Sie nahm unverzüglich Kontakt mit uns auf. In einem langen Prozess mit dem Umweg über die Ukraine konnte sie in Estland das Grab ihres Vaters finden. Das ist ausführlich in der vierten Auflage von Distelblüten und in "Zehn Jahre Distelblüten" beschrieben. Hier nun ein Bericht von der Reise zum Grab im Frühjahr 2026.
Meine Reise nach Estland vom 26. Januar bis 2. Februar 26 sollte meine wichtigste Reise in meinem Leben zu werden. Und ich ließ mich auf das Unbekannte ein.
Gemeinsam mit der Distelschwester Renate plane ich die Reise.
Am 26.01. steige ich in unser Flugzeug ein, um 18:10 Uhr sollte der Abflug sein.
Mit über einer Stunde Verspätung kommen wir in Tallinn glücklich an. Der bestellte Taxifahrer hält sein Handy am Ausgang der Flughafenhalle hoch und darauf steht groß: „Renate H.“Nun werden wir zügig zu unserem gebuchten Hotel gefahren. Dort bleiben wir 3 Nächte. Das Hotel liegt nur etwa 15 Minuten fußläufig vom Bahnhof entfernt und in der Innenstadt ist man auch schnell. Nachdem wir unsere Zimmer in Augenschein genommen und uns kurz eingerichtet haben, verabreden wir uns noch zu einem kleinen Abendspaziergang. Eine gut beleuchtete Kirche ist für mich ein Orientierungspunkt, um auch am Abend unsere Unterkunft zu finden. Wir verschaffen uns einen kurzen Überblick und schauen noch in einer sogenannten Jazz Bar vorbei. Bei einem Getränk lassen wir den Tag ausklingen.
Tallinn erleben wir als eine absolut saubere, sichere, vielfältige, moderne und architektonische Stadt. Die Menschen begegnen uns freundlich, hilfsbereit und gastfreundlich.
Schon in Tallinn spüre ich, was es für ein Geschenk ist, mit Renate diese besondere Reise zu machen. Da sie bereits diese herrliche Metropole mit dem Fahrrad bereiste, gewinne ich zunehmend Vertrauen zu ihr. Renate hat sich in den Jahren viel Wissen über Estland und das gesamte Baltikum.angeeignet.
Wir nehmen an einer Stadtführung in Tallinn teil. Was für ein Zufall, dass genau an diesem Tag das dänische Königshaus nach 800 Jahren erstmalig wieder Tallinn besucht. Ohne Menschenmengen zu erleben, werden wir Zeugen dieses geschichtsträchtigen Besuches. Drohnen in der Luft bewachen alles, aber wir erleben keine hektische Aufregung. Tallinn ist ja nicht umsonst die zweitsicherste Stadt der Welt nach Singapur. Ich bin überwältigt von den Prachtpalästen, den Kathedralen, den alten Häusern und den modernen Bauten. Was mich am meisten fasziniert, sind die genau auf die Minute pünktlichen, gut ausgestatteten und sauberen öffentlichen Verkehrsmittel. Unvergesslich wird der Besuch des bedeutendste Kunstmuseum Estlands „Kumu“ bleiben und ein Philharmonisches Konzert im Admiralspalast. Viele nette und urgemütliche Gaststätten nahmen wir unter die „Lupe“ und werden nie enttäuscht.
Am 29.01. fahren wir mit der sehr sauberen und modernen Bahn „Elron“ nach Narva. Von dort laufen wir nur wenige Minuten zum Hotel „Narva“. Wir checken ein und jede geht auf ihr Zimmer, denn 13: 45 Uhr haben wir uns mit Dimitri im hiesigen Hotel verabredet. Kurz zuvor klopft es an meiner Tür und ich sehe das erste Mal Dimitri. Es ist unbeschreiblich, wie berührend die erste Begegnung ist. Renate kommt mit dazu.
Er holt aus seiner Tasche ein altes Buch heraus und erklärt mir, dass dies das angefangene besondere Tagebuch meines Vaters sei. Er hat es 1955 begonnen und wollte hier seine Erlebnisse in poetischen Versen festhalten. Aus bestimmten Gründen hat er es nicht beendet. Jetzt bekomme ich solch einen Schatz aus dem Nachlass meines Vaters in meine Hände. Es ist für mich so berührend und es ist für mich wie im Traum. Mein Vater hat seine Gedanken in Worten und Verse aufgeschrieben. Er hat das Buch in seinen Händen gehabt und nun darf ich, seine Tochter, darin blättern. Dimitri schenkt es mir für immer. Welches besondere und kostbare Andenken darf ich annehmen. Erstmalig blicke ich auf die schöne Handschrift meines Vaters. Das geht mir nah und ich kann meine Gefühle kaum unterdrücken. Mein Neffe packt noch ein besonderes Liebhaberstück seines Opas aus - ein sehr alter ukrainischer Keramikkrug. Es ist ein wunderschönes Weingeschirr, das mein Vater besonders gemocht haben soll. Ich sehe schon vor meinem Auge, wie ich eine kleine Ecke in meiner Wohnung zur Erinnerung an meinen Vater einrichten werde.
Renate filmt diese für mich besonderen Momente.
Wir verständigen uns vorwiegend in englischer Sprache und Renate übersetzt. Ab und zu sprechen wir auch kurze russische Sätze. Einige Worte spricht Dimitri auch in akzentfreiem Deutsch. Ich höre konzentriert zu, um den roten Faden seiner Schilderungen bruchstückweise zu verstehen.
Nun erzählt Dimitri aus der Vergangenheit seines Opas und meines Vaters:
Viktor G., also mein Vater, ist der Sohn einer polnischen Mutter, die aus dem alten polnischen Adelsgeschlecht der Oltarzhevskis stammt und ihres Ehemannes Trofim Ivanovich G. (Ukrainer in Oblast Charkiw geboren). Die Mutter heißt Natalia (Petrowna) Oltarzhevskaja und wurde 1905 in Minsk geboren. Sie soll 18 Jahre gewesen sein, als sie ihrem Sohn Viktor das Leben schenkte. Das stalinistische Regime wollte das Adelsgeschlecht ausrotten und deshalb musste Viktors Mutter in ein russisches Straf- und Arbeitslager. Von 1944 bis 1956 war sie inhaftiert und konnte es zum Glück lebend verlassen. Sie war schwer traumatisiert und von den Jahren gezeichnet. Aber sie ließ sich nicht brechen. Dimitri bezeichnet seine Oma als eine intelligente und kluge Frau. Sie wurde manchmal die kleine Lady genannt.
Mein Vater soll am 8. März 1923, im Zentrum von Kiew in einem der schönsten Häuser (das noch erhalten ist) geboren sein. Dokumente, die ich über Igor erhalten habe, zeigen mitunter beide (1921 und ausgebessert 1923) Geburtszahlen an. Eine Geburtsurkunde von staatlicher Seite existiert nicht mehr. Er war Ukrainer und sprach fließend Ukrainisch (seine Muttersprache), Polnisch, Deutsch und Russisch. Die ersten Jahre bekam mein Vater daheim Privatunterricht und hatte das Privileg, die beste Bildung vermittelt zu bekommen. Er begeisterte sich besonders für Klavier und erhielt auf diesem Instrument ebenfalls Unterricht. Sein Lieblingskomponist war Chopin, mit dem er sich vielfach beschäftigt hatte.
Nach der Schule schrieb er sich am Konservatorium in Cherson für den Fachbereich Klavier ein, wurde jedoch im dritten Studienjahr zum Militärdienst einberufen. Da war er gerade mal 20 oder 21 Jahre. Damit erlosch sein Traum, einmal Pianist zu werden, endgültig.
Dimitri erzählte, dass mein Vater wegen seiner Klugheit schnell in der Armee einen hohen Dienstgrad erreichte. Er liebte Flugzeuge und so wurde er auch zum Jagdflieger ausgebildet. Im Krieg war er bei der Stalingrader und Moskauer Schlacht, beim Kursker Bogen, Befreiung Warschaus und Berlins beteiligt. Dafür bekam er nach dem Ende des 2. Weltkrieges die höchsten Auszeichnungen der Sowjetunion.
Während der Befreiung Berlins wurde er verwundet und musste ins Lazarett. Dort verliebte er sich in eine OP-Krankenschwester, die er dann 14 Tage später in Berlin tatsächlich auch heiratete.
Wegen seiner Kenntnisse und seinem Wissensschatz bekam er höhere Aufgaben vom Militär während der Besatzungszeit in Deutschland. Deshalb wohnte er auch 4 Jahre mit seiner Frau in Rostock. Dort wurde sein erster Sohn, Anatoli 1946 geboren. Am 21.08.1949 schenkte ihm seine Frau noch einen weiteren Sohn, Yuri. Er wurde in Estland geboren, der Vater von Dimitri, meinem „neuen“ Neffen.
Yuri hat aus erster Ehe 1971 eine Tochter N. bekommen. Sie lebt in Petersburg.
Als mein Vater 1982 starb, der einst die ganze Familie zusammenhielt, brach der Kontakt komplett ab.
Yuri lernte seine 2. Frau N. in Narva kennen und sie heirateten 1973. Sie stammte aus St. Petersburg., hat in Estland an der Universität Tartu (Derpt) als Philologin gelebt und studiert. Sie leitete 20 Jahre das Kulturhaus in Narva und hat sich dann beruflich noch einmal umstrukturiert. Sie studierte Pädagogik und lehrte 20 Jahre an einer Schule in Narva. Mein Vater soll mit seiner Schwiegertochter ein gutes Verhältnis gehabt haben. Er hat ihr manches von früher erzählt. Am 8. April 1975 kam Dimitri auf die Welt. Da das junge Paar noch keine eigene Wohnung hatte, lebten sie bei den Eltern, also zu fünft in der 3 Raum-Wohnung. Nach einem Jahr konnten sie in eine eigene Wohnung umziehen.
Die Mutter trennte sich von ihrem Mann, als Dimitri 7 Jahre alt war. Der Grund war der hohe Alkoholgenuss. Ab jetzt beschäftigte sich der Opa viel mit Dimitri. Überhaupt soll er in Dimitri das lebenswerte und selbstbestimmte Leben verwirklicht gesehen haben, was er durch den furchtbaren Krieg nicht führen konnte. Die Söhne meines Vaters litten wahrscheinlich unter den Bedingungen der unglücklichen Familiensituation.Vater .und Mutter waren nicht immer harmonisch miteinander. Der ältere Sohn litt an einer Nervenkrankheit und sein Bruder betäubte sich mit Alkohol.
Interessant war auch zu erfahren, dass das Hotel, wo wir für 3 Tage wohnen, die Lieblingslokalität meines Vaters gewesen sein soll. Er hatte wohl auch maßgeblichen Einfluss beim Bau des Hauses. Dort traf er sich mit seinen Bekannten und sorgte für interessante und unterhaltsame Gespräche. Auf der Arbeit und unter gleichgesinnten Menschen fühlte er sich sehr wohl.
Nach der Besatzungszeit in Deutschland sollte mein Vater eigentlich einen Posten im Kreml übernehmen. Das hat er aber abgelehnt. Er hatte Angst, dass der KGB ihm wegen seiner Abstammung Repressalien zufügen könnte. Mein Vater ist nach 4 Jahren Rostock mit seiner Frau und seinem Sohn erst nach Iwangorod gezogen. 1954 siedelten sie dann nach Narva um, eine anscheinend unbedeutende Stadt.
Hier hat er das Elektrizitätswerk aufgebaut, deren Direktor er später wurde. Er soll sehr großen Einfluss auf die Stadt gehabt haben. Dimitri spricht mit Hochachtung von Opa und sagt, dass er als ehrenwerter Bürger lebte.
Nach einem fast zweistündigen wunderbaren Gespräch will uns Dimitri nun alle Orte zeigen, die mit seinem Großvater und meinem Vater in Verbindung stehen.
Dabei erklärt er uns, dass manche Gebäude in Narva nach der Zerstörung wieder hätten aufgebaut werden können. Stattdessen wurde der stalinistische Baustil favorisiert und die wertvollen, einst schönen Häuser wurden abgerissen. Wir laufen unmittelbar an der russischen Grenze vorbei, die Narva nur 180 Schritte über eine Brücke zu Iwangorod trennt.
Die Grenze ist seit 2024 für den Autoverkehr geschlossen.
Dimitri ist ein hervorragender Stadtführer. Renate und ich staunen nicht schlecht, als wir plötzlich an einem Garagenkomplex Halt machen. Am ersten Tor bleibt er stehen und sagt, dass hier der schwarze „Wolga“ meines Vaters seinen Platz hatte. Er ist für die damaligen Verhältnisse ein besonderes exklusives Auto, was der Normalbürger in Russland nicht zu kaufen bekam. Er fuhr es auch nicht selbst, sondern hatte seinen eigenen Chauffeur. Denis erklärt uns, dass das Garagentor einst der Opa selbst gebaut hat. Das handwerkliche Geschick könnte ich von meinem Vater geerbt haben, macht mich ein bissel stolz.
In unmittelbarer Nähe erreichen wir das Mehrfamilienhaus, in dem mein Vater, seine Frau und Yuri gelebt haben. Als er 1982 viel zu früh starb, müssen über 3000 Leute die Straße gefüllt haben, so dass die Zufahrt abgesperrt werden musste.
Dimitri zeigt auf die Fenster in der oberen Etage mit braunen Fensterrahmen und meint: „Die Wohnung ist frei. Da kannst du einziehen.“
Ich mag seinen schwarzen Humor und er bringt ihn auf eine nette Art und Weise rüber.
Das Haus mit der Rückansicht, das Schlafzimmer, blickt direkt auf den Grenzfluss Narva. Dort soll mein Vater sehr gern und oft aus dem Fenster geschaut haben, mit direkter Sicht auf die russische Iwangorod-Festung und das Narva Hermann Castle (Hermannsfeste) - tolle Aussicht. Beide Burgen bilden ein einzigartiges, historisches Grenzensemble.
Dimitri führt uns auch zu seiner Wirkungsstätte, dem sehr schönen Rathaus. Beeindruckt hat uns die einzigartige Deckenbemalung im Eingang. Diese stammt von meinem Neffen. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Künstler.
Über zahlreiche Gebäude weiß er noch Interessantes zu berichten. Was mich nachempfinden lässt, als wir den Weg am Grenzfluss entlang gehen, den mein Vater oft gelaufen sei. Das ist doch ein bewegender Moment, den er mir vermittelt. Danke für diese wertvolle Zeit der Spurenfindung. Es ist zwar sehr kalt, minus 19 Grad Celsius, aber meinem Herzen und dem Gefühl tut es erwärmend gut.
Am nächsten Tag haben wir uns um 11 Uhr im Hotel verabredet. Dimitri klopft kurz zuvor an meinem Hotelzimmer und sagt: „Ich möchte dir noch zwei Andenken von Weihnachten von deinem Vater schenken.“ Vorsichtig packt er erst ein typisch russisches buntes Jolkabäumchen zum Anklemmen an den Weihnachtsbaum aus. Anschließend übergibt er mir einen über 70 Jahre alten Väterchen Frost, auch als Baumbehang. Behutsam lege ich es ab. Alles werde ich von meinem Vater in Ehren halten.
Auf der Straße erwartet uns schon sein Freund mit einem schicken und großräumigen „Toyota“. Wir steigen ein und die Fahrt beginnt. Eine verschneite Traumlandschaft, gezuckerte Bäume wie im Märchen, dürfen wir erleben. Nach ca. 15 Minuten nehmen wir die Linksabbiegung in Richtung Narva-Jöesuu, in der Nähe von Törvajöe. Dort werden wir in wenigen Minuten am Friedhof Riiggiküla, Peeterristi (übersetzt: Peterskreuz) 40112 ankommen. Meine Spannung und mein Pulsschlag erfahren eine starke Erhöhung und die Gefühlswelt liegt in Lauerstellung. Was werde ich sehen und was wird es mit mir machen? M. bleibt beim Auto und wir gehen diesen Weg allein. Dimitri läuft voran mit einem Beutel in der Hand (mit Grableuchte) und Renate und ich gehen lautlos hinterher. Der verschneite Weg zum Friedhof mit den hohen Bäumen wirkt auf mich beruhigend und friedlich. Nach kurzer Zeit sind wir an der Grabnummer 4484, was für ein bewegender Moment. Wir sind angekommen. Dimitri bringt das mitgebrachte Licht zum Leuchten. Ich musste 71 Jahre alt werden, um am Grab meines Vaters zu stehen. Was für ein besonderer emotionaler Moment. Ich kann meine Tränen nicht unterdrücken, weil die ganze Anspannung nach unterdrückter Vaterexistenz aus mir rauskommt. Wie gern hätte ich meinen Vater lebend kennen gelernt. Mir gehen aber auch Gedanken durch den Kopf, hat er sein leibliches Kind aus Deutschland mal sehen wollen? In diesen Minuten war ich ihm ganz nah. Auf diesen Augenblick habe ich seit 2020 sehnsüchtig gewartet. Das war der Beginn und die innere Befreiung, mich auf die Suche, im 66. Lebensjahr, nach meinem Vater intensiv zu begeben. Dafür bin ich den „Distelblüten - Russenkinder in Deutschland“ mehr als dankbar. Durch sie durfte ich Igor kennenlernen, der mir bei der Suche beispielhaft intensiv geholfen hat. Mein Traum war es, einmal ein Bild meines Vaters zu sehen. Es interessierte mich auch zunehmend, wer mir meine Gene gegeben hat. Ich wollte wissen, was war er für ein Mensch?
Dimitri berichtete, dass er in seiner Offiziersuniform im Sarg lag und wohl auch den bedeutendsten Orden mit ins Grab genommen hat.
Und die besondere Geschichte geht weiter:
Am 3. Tag in Narva erwartet mich der nächste wunderbare unbeschreibliche Tag.
Ab dem Nachmittag werde ich die Mama von Dimitri und meine „neue“ Schwägerin kennenlernen. Natasha hat sich auf diesen besonderen Moment mit einem traditionellen Dinner seit Wochen vorbereitet. Dimitri schwärmt, was er für eine große Einkaufsliste abzuarbeiten hat und wie sie schon tagelang ganz interessiert ihn nach mir ausfragt.
Renate nimmt an allem teil und sie berührt meine schöne Geschichte ebenfalls emotional.
Dimitri will uns vom Hotel abholen, aber wir lehnen das dankend ab. Wir wissen inzwischen, dass er einen sehr verantwortungsvollen Beruf ausübt und selbst an den ersten beiden Tagen unseres Zusammenseins noch lange im Rathaus arbeitete, um die liegengebliebene Arbeit nachzuholen. Er erklärt uns genau, mit welcher Buslinie wir wann abfahren sollen.
Wir steigen an der vereinbarten Haltestelle in Narva-Jöesuu aus und Dimitri empfängt uns dort. Die Stadt (deutscher Name Hungerburg) befindet sich im äußersten Nordosten der Republik Estland und liegt direkt am Finnischen Meerbusen. Es leben ca. 4240 Einwohner dort. Die Bevölkerung besteht zu mehr als zwei Drittel aus russischsprachigen Einwohnern. Der Strand von Narva ist wegen der einzigartigen Natur berühmt (feiner Sand und bizarrer Kiefernwald). Dimitri erzählt uns, dass der Strand im Sommer auch nicht von Touristen überfüllt sei.
Wir müssen nicht lange laufen und schon stehen wir vor einem Hochhaus, wo Nadasha, seine Mutti ein Appartement in der untersten Etage bewohnt.
Wir werden von seiner Mama sehr herzlich und freundlich empfangen. Die Aufregung ist auch bei ihr zu spüren. Ich kann mein Gefühl kaum beschreiben, dass die Begegnung so wunderbar und gastfreundlich ist. Es fühlt sich sehr vertraut und urgemütlich an. Der Tisch ist festlich und traditionell mit russischen Gerichten gedeckt. Dimitri und seine Mutti haben ein leckeres und schmackhaftes Mahl gezaubert. Selbst der besondere Tee mit Milch wird in einer tollen ukrainischen oder russischen schweren Kanne serviert. Dieses Heißgetränk ist ein vorzüglicher Genuss. Dazu gab es selbst gebackene Torte.
Das Essen zieht sich über eine längere Zeit hin und wir haben uns viel zu erzählen. Beidseitig werden Fragen gestellt und Renate und Dimitri sind die Übersetzer.
Meine Schwägerin meint, dass sie mich immerzu anschauen müsse, weil ich meinem Vater sehr ähneln würde.
Ich frage einfach, woher sie wussten, dass mein Vater ein Kind hätte?
Nun erzählt Nadasha: „Es gab einmal die Situation, dass seine Frau einen Zettel oder Beleg in seiner Manteltasche gefunden hätte. Dort war dokumentiert, dass er eine größere Geldsumme einer Frau überwiesen oder gegeben hat und wahrscheinlich auch den Grund gesagt hat. Da soll ein Riesenkrach entstanden sein und seine Frau muss getobt haben. Aber keiner hat hinterher jemals noch einmal darüber gesprochen.“ Der Vater hatte viele Geheimnisse und der Krieg machte ungewollt viele Menschen zu Opfern.
Als Nadasha das erwähnt, war mir klar, dass Viktor mein Vater ist. Im Brief meiner Mutter steht, dass mein Vater ihr 500 Mark übergeben hat, als er nach Russland zurück musste.
Leider gibt es keine Fotoalben oder andere typischen Erinnerungsstücke mehr von ihm im Familienbesitz. Die Frau meines Vaters hat ganz viel vernichtet, zerstört oder auch verkauft. Nicht einmal die zahlreichen Orden gibt es noch. Überhaupt ist mit dem Tod meines Vaters auch der Kontakt von Dimitri zur Oma abgebrochen. Sie muss auch psychische Probleme gehabt haben. Vielleicht hat das Erlebte auch zu solchen Veränderungen beigetragen.
Deshalb ist es ja so wichtig, aus der Geschichte zu lernen.
Dimitri´s Mutti interessiert sich natürlich auch, wie meine Mutter in jungen Jahren ausgesehen hat. Auf meinem Laptop kann ich auch die Zeilen des Briefes meiner Mutter vorlesen, wo sie mir mitteilte, wer mein Vater sei. Er habe sich für sie eingesetzt, dass Ihr die Wohnung nicht zwangsgeräumt wurde.
An diesem Abend werden mir einige Fotoaufnahmen meines Vaters übergeben. Auch die Chronik und die Geschichte über das Familienwappen der polnischen Adelsfamilie und ein vierseitiger Schülerbogen der Narva Schule. Da mein Vater ein anerkannter Kriegsveteran war, wurde er oft von Schülergruppen eingeladen. Als lebender Zeitzeuge konnte er über seine Kriegserlebnisse Fragen der Schüler beantworten. Eines seiner letzten Interviews war kurz vor seinem Tod, am 21.03.1982. Am 4. Mai starb er. Die Zeitung von 1982 mit seiner Todesanzeige wird mir von Denis übergeben.
Nach diesem besonderen Treffen und dem Stück „neue Familie“ wird uns Dimitri noch das Meer am Abend zeigen und den Urlaubsort. Bei klirrender Kälte und der Sehnsucht nach hoffentlich bald wärmeren Tagen, schafft er uns rechtzeitig zum Abendbus. Eine herzliche Verabschiedung bis zum nächsten Tag. Überhaupt ist Dimitri so charmant und hilfsbereit, bringt uns zum Bus und lässt es sich nicht nehmen, unsere Koffer bis zum Busbahnhof zu ziehen. Wir liegen uns bei der Verabschiedung in den Armen und er äußert immerzu, wie schön es sei, ein neues Familienmitglied zu besitzen. Natürlich will er auch meine Kinder und Enkelkinder kennenlernen. Eine wunderschöne Zeit steht uns also noch bevor.
Auf der Suche durfte ich herzliche, ehrliche, hilfsbereite, interessierte und wunderbare Menschen kennenlernen.
Freundschaften wurden noch fester. Viele, viele Puzzleteile fügten sich glücklich aneinander.
Den Menschen, die mir bei der Suche mit höchster Sorgfalt, äußerster Genauigkeit und zielorientierter Gründlichkeit geholfen haben, spreche ich meinen allerherzlichsten Dank aus.
Ein besonderes Dankeschön gilt Renate. Sie hat mir Sicherheit und Ruhe gegeben, diese wichtigste Reise in meinen Leben zu machen. Igor hat den größten Anteil, dass ich Dimitri gefunden habe und damit ist eine wunderschöne Geschichte der Familienzusammenführung entstanden und noch weiterhin entstehen wird. Katharina, hab Dank für deine Hilfe als Dolmetscherin.
Danke, liebe Distelgeschwister und Dank meinen beiden Freundinnen S. und G.
Meinen Kindern und ihren Familien danke ich für ihr Verständnis, dass ich über mein Geheimnis so lange geschwiegen habe und nicht sprechen konnte.
Johanna, März 2026






