Christiane

17. Mai 2018

 

Meine Geschichte begann in einer sächsischen Kleinstadt an der Mulde, bewacht von der mittelalterlichen Burg Mildenstein.

Am Freitag, dem 21. 4. 1950, erblickte ich in der Wohnküche meiner Großmutter das Licht dieser Welt. Die Hebamme strickte Socken als meine 30jährige Mutter in den Wehen lag und immer noch davon ausging, einen Jungen, einen Christian zu gebären.

Da war ich nun, ein Mädchen.

 

Christiane steht in der Geburtsurkunde. Vater: -.-.-.-.-.

Der Pfarrer taufte mich. Ich wuchs mit der Botschaft „du hast keinen Vater“ auf und glaubte dies auch lange Jahre, wenngleich ich hörte, jedes Kind hat einen Vater, Christiane. Ich hatte keinen.

Die kleinen Häuschen standen eng um einen mit Kopfsteinen gepflasterten Platz. Mein Opa hatte im Erdgeschoss seine Schusterwerkstatt. Darüber wohnten meine Großeltern und meine Mutter mit mir. An diesem Altmarkt wohnten zwei Spielkameraden, Russenkinder. Ich hatte keinen Vater, war kein Russenkind.

 

In der Pubertät dachte ich mir einen Vater aus, der kam aus dem Westen, mit einen großen Auto und brachte einen Schaumgummipetticoat für mich und nahm mich mit auf Reisen, wohin auch immer.

 

Meine Mutter hatte inzwischen geheiratet und ich hatte keinen Vater. Die Erwachsenen, die ich fragte, verwiesen an meine Mutter. Die jedoch blieb bei ihrer Version, dass ich keinen Vater hätte.

Auch zwei Fotos, die ich beim Stöbern in ihrem Schrank fand, brachten mich nicht weiter.

Meine Schulkameraden akzeptierten mich „ohne Vater“.

 

Ich war 30, verheiratet, wir hatten zwei Kinder. Die Frage nach meinem Vater beantwortete meine Mutter mit einer Ohrfeige.

Da sei doch das Foto des russischen Offiziers? Nein, dies sei nicht mein Vater...

 

Nach der Wende gab sie mir dieses Foto. Er heiße Alexander, Wasja mein Wasja. Kieselow und wohne in Worronesh, sei am 18. 8. 1920 geboren. Sie habe ihn sehr geliebt. 2017 stirbt meine

Mutter. Mein Wasja war gut, wiederholt sie immer und immer wieder, als sie mit 97 Jahren von uns geht. Seine Einheit, die in der ehemaligen SS-Kaserne dieser Kleinstadt stationiert war, wurde im Januar 1950 nach Baku verlegt. Er wisse, dass sie schwanger war. Sie hatte Angst, große Angst vor dem, was auf sie zukommen könnte. Sie dachte daran, nicht mehr leben zu wollen. Er sagte ihr, sie solle weiterleben, um meinetwillen.

Ich solle dieses Foto niemanden zeigen, die Stasi sei wohl immer noch aktiv.

 

Daran habe ich mich nicht gehalten.

Erste Nachfrage beim Internationalen Roten Kreuz, nach Monaten eine Mitteilung, sie könnten mir nicht helfen, sie bräuchten den Namen seiner Einheit.

Ich war enttäuscht, unentschlossen, wie ich weiter verfahren sollte.

Zwei Jahre später war ein befreundeter Journalist auf der Krim und lernte bei seinen Recherchen über einen bekannten deutschen Künstler einen russischen Militär- Historiker kennen. Dieser

wiederum war an meinem Thema interessiert. Ich kontaktierte ihn, Briefe gingen hin und her.

Gleichzeitig suchte ich beim Bürgermeister der Kleinstadt nach der Einheit meines Vaters.Er könne nicht helfen, alle Unterlagen seien nach G. verlagert worden. So zogen die Monate vorbei.

Ich erhielt Hinweis auf Hinweis und lernte telefonisch und Mitte der 90ziger noch per Brief sehr nette, kluge Menschen kennen, die ich um Unterstützung bei meiner Suche bat. Es war sicher auch die Nachwendezeit, die Veränderung in der Sowjetunion, die mir diese Recherche erlaubte.

 

Anfang 2002 gab es einen Artikel (verfasst vom Historiker auf der Krim) in einer russischen Zeitung. Ein deutscher Lehrer und seine russische Frau auf der Krim interessierten sich sehr für

meine Suche. Sie sind Nachbarn des Historikers und vermittelten zwischen ihm und mir. Ich legte die Kopie des Artikels mit dem Foto des russischen Offiziers meinen Such- Briefen bei.

Der letzte ging 2004 an die Oberste Militäradministration der Russischen Förderation.

2005 kam ein Brief der russischen Botschaft. Dieser enthielt Angaben zur militärischen Laufbahn des Offiziers, seine Verwundungen während des Krieges, seine Einsätze in Berlin, seine Zeit in der sächsischen Kleinstadt. Ich las, welche Orden und Auszeichnungen ihm verliehen worden waren.

Ich erfuhr seine Anschrift, seine TelefonNr. Er sei 1992 verstorben. Im Haus wohnten seine Ehefrau und der Sohn mit Familie.

 

Die Hände zitterten mir, als ich diese mit Stempel und Unterschrift versehenen Schreiben hielt.Ja, was nun. Weiter? Wie? Aufgeben? Bringe ich die Söhne in Verlegenheit?

Wie meine Mutter sich fühlte, lies sie mich nicht wissen. Es sei doch alles vorbei. Was ich mir denn erhoffe, erben würde ich ja doch nix. Was willst Du dort?

Nach einem Jahr schrieb ich einen Brief nach Worronesh an die angegebene Adresse. Es kam ein dicker Brief mit Fotos zurück. Die des Offiziers, aufgenommen beim Fotografen der Kleinstadt,

eine Serie, konnte ich mit meinem Vater-Foto ergänzen.. Alle hatten das gleichen Signum,

Dann gingen dicke Briefe immer hin und her. Er hatte zwei Söhne, die verheiratet sind und Kinder haben. Ich erfuhr so manches aus seinem Leben.

Meine Brüder, meine Halbbrüder. Ich hatte mir immer einen Bruder gewünscht (und Salz auf das Fensterbrett gestreut, als Hinweis für den Klapperstorch, der die Kinder bringt). Jetzt hatte ich zwei.

Seine Schwester Anna, von der meine Mutter wusste, dass sie Medizin studiert und Kinderärztin werden will, lebt und arbeitet noch in einer großen Kinderklinik.

Sie laden mich und meine Töchter ein, wir sagen zu und fliegen 2007 bis Moskau und fahren mit dem Nachtzug nach Worronesh.

Ich glaube meine Anspannung war im voll besetzten Zug überall zu spüren.

Morgens um 8.00 Uhr ist der Zug angekommen, großes Bahnhofsgebäude.

Wir stehen auf dem Bahnsteig. Was jetzt?

Es kommen zwei große Männer auf uns zu gestürmt, einer mit einem Strauß roter Rosen. Ohne Worte umarmen wir uns, alle vier und wollen uns nicht loslassen.

Das Auto steht gleich da und wir fahren, uns radebrechend unterhaltend, durch die große Stadt zu einem Hochhaus. Vor der Tür steht Marina, Dimas Frau. Himmel, der wacklige Fahrstuhl, das Haus, die Wohnung: frisch renoviert, für uns, ein neuer Teppich an der Wand. Ich kneife mich ins Bein, ist das alles wirklich?

Kein Kaffee im Haus. Einer zieht los, um welchen zu kaufen. Dann beschließen die Brüder etwas, wir fahren mit den Koffern weiter, durch die Stadt. Zwischen Hochhäusern stehen die typischen russischen Holzhäuser, grün gestrichen. Ulitza Tschechow, Nr. 46. Später, beim Betrachten der Fotos wird meine Mutter sagen, „Na, wo der wohnt das wusste ich, immer.“

 

Es war ein so herzlicher, lieber Empfang. Der Tisch brach unter der Speisenvielfalt zusammen. Wir feierten und feierten 10 Tage lang. Wurden bewirtet mit Lachs und Kaviar und Plinis. Wir lagen uns in den Armen, meine Brüder Dima und Alex, die Schwägerinnen Marina und Irina, seine Frau Lydia, (die wusste, dass es in Deutschland eine Frau gegeben hatte.) die Schwester Anna, der Enkel Alexander. Irinas Bruder und Schwester, die Mutter. Es bleibt ein unvergessenes Ereignis in meinem Leben. Diese Herzlichkeit geht unter die Haut.

 

Die gesuchte Person hatte ich 100 % gefunden. Hat er mich gezeugt? Alex der ältere Bruder hört meine Äußerungen über Begebenheiten in der Kleinstadt, die ich von meiner Mutter weiß. Er kennt sie, der Vater hat sie ihm erzählt. Insiderwissen. Wir fanden mehr und mehr Ähnlichkeiten in der

Gestik, dem Agieren, dem Aussehen. Meine jüngere Tochter sieht Annas Bruder Wasja so ähnlich.

Tante Anna hob die Hände vors Gesicht streichelte ihr die Wangen und weinte, Wasja, Wasja.

Meine Recherchen sind ein voller Erfolg geworden. Ich habe an seinem Grab gestanden und geweint.

Der Kontakt zu Alex bleibt erhalten, wenngleich es etwas weniger geworden ist. Er sagt my dear sister. Oft weint er und legt auf. Jahr zu Jahr will er nach Deutschland kommen und kommt nicht.

Dima ist vor einem Jahr an den Folgen eines nicht weiter behandelten Schlaganfalls verstorben. Er brüllte immer ins Telefon, als müsse er die Entfernung W – Berlin überbrücken. Mit seiner Tochter Jewgenia tausche ich Whats App und Bilder, Bilder von deren Tochter Veronitschka.... die dunklen

braunen Augen hat meine Tochter auch. J. ist eine große, schlanke Frau. Ich bin 178 und wunderte

mich als Jugendliche, waren doch Mutter und Großmutter wesentlich kleiner.

Als Einzelkind finde ich es wunderbar, Verwandtschaft zu haben. Es ist schön, die Familie gefunden

zu haben. Meinen Wurzeln nachspüren zu können, Gedanken auszutauschen

Mein Dank an alle Menschen, die mir geholfen haben bei der Suche nach meinem Vater.