Demmin

„ Lieber den Tod als die Russen“

so lautete ein Artikel in der Sächsischen Zeitung im März 2018.

Informiert wurde über die Ereignisse 1945 in Demmin und die Produktion des Films „Über Leben in Demmin“ von Martin Farkas. Auch dass es schwierig war Menschen zu finden, die bereit waren das Schweigen zu brechen.

 

Demmin ist scheinbar eine kleine Provinzstadt südwestlich von Greifswald und hat doch Geschichte geschrieben. Bis zum Ende des ZweitenWeltkrieges war sie unzerstört. Aber sie lag auf dem Weg der Roten Armee in Richtung Ostsee. Wehrmacht und Parteigrößen setzten sich Ende April 45 nach Westen ab, sprengten die Brücken über die Peene und schnitten den Einwohnern und Flüchtlingen die Flucht nach Westen ab.

Die Rote Armee besetzte die Stadt und kam wegen der zerstörten Brücken nicht weiter.Wie in jedem Krieg kam es zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Schon im Vorfeld waren viele Einwohner wegen der Berichte über die Russen voller Angst. „Sie schneiden den Kindern die Zunge ab, sie entehren die Frauen und morden brutal...“

 

Monatelang brandete 1945 eine Selbstmordwelle durch Deutschland, die Tausende – Frauen, Männer und Kinder - in den Untergang riss. In welchen Abgrund hatten die Menschen geblickt, dass sie angesichts der Befreiung vom Dritten Reich nur im Tod einen Ausweg sahen? Aus der Sicht derer, die das unfassbare Geschehen selbst miterlebt haben erzählt der Historiker Florian Huber vom größten Massenselbstmord der deutschen Geschichte und seiner Verdrängung durch die Überlebenden.

„ Kind versprich mir, dass du dich erschießt

Der Untergang der kleinen Leute 1945“

 

Es kam zu einem Massensuizid in Demmin. Mütter, Väter, Großväter töteten ihre Kinder und sich selbst. Sie gingen ins Wasser, hängten sich auf, erschossen oder vergifteten sich.

Die Todesfälle konnten kaum vollständig registriert werden. Heute spricht man von Tausend Toten, es können auch mehr sein.

Zur Zeit der DDR war dieser Vorfall ein Tabuthema und jetzt immer noch.

 

Nach über drei Jahren Recherchearbeit in Demmin und Gesprächen mit Bürgern entstand der Film

„Über Leben in Demmin“ von Martin Farkas. Im Frühjahr 2018 war die Premiere in Demmin.

Die Interviewpartner erzählen verhalten. Es sind wenige, die dazu bereit waren.

Wir haben den Film sehen können und danach mit dem Produzenten und einigen der Mitwirkenden sprechen können.

Der Film kam inzwischen deutschlandweit zur Aufführung. Denn, wie der Autor F.Huber in seinem Buch schreibt - Demmin ist überall - so gab es auch im Westen viele Suizide, auch ganzer Familien aus Angst vor der Rache der Alliierten oder einem vermeintlichen Ehrverlust.

 

Neue Rechte Kräfte marschieren nun am 8. Mai auf zu „Trauermärschen“, geschwiegen wird immer noch.

 

Mithilfe von Prof. Dr. Philipp Kuwert, der beratend am Film mitwirkte, kam es zum Kontakt mit Pastor Wolkenhauer, der uns nach Demmin in die Gemeinde St. Bartholomaei einlud. Er organisierte eine Schülerveranstaltung am Evangelischen Gymnasium und eine Lesung am Abend.

Pastor Wolkenhauer hat den Termin an die Pressestelle der Nordkirche geschickt. Diese hatte den Termin an dpa gegeben. Wir waren sehr erstaunt, die Einladung in bundesweiten Medien zu finden. Süddeutsche Zeitung, Welt, focus, rtl, t-online und weitere berichteten.

So war es nicht verwunderlich, dass der Saal voll gefüllt war.

In guter Atmosphäre konnten wir die Problematik der von Soldaten gezeugten Kindern schildern. Der versöhnende friedliche Aspekt stand im Vordergrund.

Nach Abschluss meldete sich ein Mann: „Ich bin auch ein Russenkind“

Später erlangten wir Kenntnis von einer Frau, auch ein Russenkind, die nicht gekommen war aus Furcht, man könne sie als Russenkind erkennen. Niemand in Demmin solle es wissen. Dies zeigt, längst nicht alle Betroffenen sind mit ihrem Schicksal im Reinen.

Zweimal wurden wir angesprochen, ob wir an anderen Orten auch sprechen könnten.

 

Wir sind sehr dankbar, dass wir in Demmin reden durften.

 

 

NDR Kultur sendete am 21. September 2018 einen Bericht über unsere Lesung.

Autor ist Konrad Buchwald.

Auf Anfrage stelle ich die Audiodatei zur Verfügung. (4:20)

Durch einen Fernsehbeitrag wurden wir auf eine Ausstellung in Goldberg aufmerksam: „Die Russen kommen“

Die Fotografin Elli Hartmann hat 1946 Porträts sowjetischer Soldaten gemacht, für sie war es ein Zubrot, für die Soldaten eine gute Möglichkeit Bilder von sich nach Hause zu schicken. Bevor die Fotografin in den Westen ging mauerte sie ihre Negative ein. Sie wurden Jahrzehnte später wieder entdeckt und für die Ausstellung aufbereitet. Eine Schulklasse in Hagenow schrieb zu den Bildern fiktive, einfühlsame Briefe.

Ins Gästebuch schrieben wir:

 

Die jungen Männer auf den Fotos könnten unsere Väter sein. Wir kennen sie nicht. Dank an die Schüler, die sich mit diesem Thema beschäftigen.

Respekt für die erwachsenen Texte zu den Fotos.

Wir sind Zwei von Hunderttausenden Russenkindern, die in Liebe oder mit Gewalt gezeugt und hinterlassen wurden.

 

Birgrit, aus einer Liebesbeziehung 

Winfried, aus einer Vergewaltigung

 

Quelle Galerie Goldbergkunst in 19399 Goldberg.

Die Ausstellng wurde konzipiert und kuratiert von Henry Gawlick, Hagenow

Museum Hagenow

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