Winfried

Zunächst war ich in der Leipziger Russenkindergruppe das einzige Kind aus einer Vergewaltigung. Alle anderen waren in Liebe gezeugt und das machte mich schon ein wenig neidisch. Inzwischen habe ich andere Vergewaltigungskinder kennen gelernt und dieses Wort geht jetzt flüssig über die Lippen. Lange war das nicht so – über 50 Jahre lang.

Es braucht Zeit, um über die Wunden sprechen zu können. Ich durfte die Erfahrung machen, dass mit der offenen Aussprache ein ungeahnter Prozess einsetzte.

Ein Prozess, der nicht nur die eigenen Fesseln gelöst hat, der etwas gab, was ich vorher vermisste: Anerkennung. Dabei war nur der erste Schritt schwierig, die Folge ergab sich von selbst.

Anerkennung kommt nicht unbedingt wegen des Buchprojektes, sondern von Menschen, die Ähnliches erlebt haben und sich nun auch öffnen.

 

Ähnlich wie Birgrit habe ich Lesungen gehalten. Es begann mit einem Vortrag in der Volkshochschule Ganderkesee (Kreis Oldenburg). Bis wenige Tage vor dem Termin hatte sich noch niemand angemeldet. Üblicherweise lädt die VHS dann die Presse ein, um auf den entsprechenden Vortrag hinzuweisen. In der Lokalpresse erscheinen dann ca. 10 Zeilen.

Als ich das Thema vorstellte, spitzten die Reporter sichtbar die Ohren, fragten nach und es erschienen dann längere Artikel im größeren Umkreis. Der Bann war gebrochen: Ich hatte mich geoutet.

 

In der Folge des GEO Artikels und von „Kirche und Leben“, der Teilnahme bei der GESIS Konferenz in Köln und Uni Leipzig (in Hannover Herrenhäuser Schloss) werden Journalisten selber tätig und nehmen Kontakt auf. Damit wird mein Rentnerdasein bereichert.

Zusätzlich kommt es zum Mailaustausch und manchmal auch zu direktem Treffen mit Russenkindern in der Umgebung.

Wenn nun noch neue Aufgaben auf mich zukommen, freue ich mich. Schreibt mir ruhig über die Gästebuchseite.

Winfried - 17. August 2015

 

Symbole:

 

Ein Holzbündel, von einer Kette umschlossen, war einmal eine starke Eiche.

 

Welches Symbol erblickt ihr darin?

Wer die Vorderseite und Details betrachten möchte,

findet diese hier.

Hallo Winfried,

hast Du wirklich so ein Problem mit dem Ver­halten Deines Vaters? Man kann das Verhalten eines Menschen nicht losgelöst von den Um­ständen bewerten.

Was weißt Du darüber, was er in diesem Krieg schon alles miterlebt und mit erlitten hat? Hunger und Durst und Todesangst, den Anblick schreck­licher Wunden, qualvolles Sterben ohne jede medi­zinische Versorgung, den Tod von Familien­angehörigen und Freunden. Er muss, wie alle Soldaten zu dieser Zeit, stark traumatisiert ge­wesen sein durch das, was er erlebt hat. Und er war Teil einer Gruppe/Truppe, die ihm Halt gab. In dieser Gruppe wurde vergewaltigt, wie es zu al­len Zeiten üblich und akzeptiert war, dass nicht nur der materielle Besitz des Feindes, sondern auch dessen Frauen und Töchter dem Sieger zufie­len. Es gibt keinen Krieg, in dem die siegreichen Truppen sich nicht das Recht herausnahmen zu vergewaltigen. So, als sei das eine Art Naturrecht.

Aus der Distanz heraus gesehen ist das abscheulich. Aber wenn man selbst in solch einer entsetzlichen Situation steckt? Könnte nicht jeder von uns in einer entsprechenden Extremsituation zum Mörder werden? So wie jeder Mann zum Vergewaltiger werden kann, ebenfalls in einer Extremsituation. Wer an solch einem brutalen und grausamen und ungerechten Krieg teilnimmt und dabei nicht Schaden an der Seele nimmt, der ist ein Heiliger. Das war Dein Vater sicher nicht. Er war ein Mensch wie Millionen andere. Verzweifelt, verletzt, voll Wut, von Rache angetrieben, nicht mehr Herr seiner Sinne.

In Friedenszeiten war er vielleicht ein liebe­voller Ehemann und Vater. Du kannst es nicht wissen. Sicher ist nur, dass der Krieg das Gute im Menschen abtötet. Im Irak, in Afghanistan, überall auf der Welt.

 

Liebe Grüße Dorothee.

Geschrieben, kurz bevor sie mit 60 Jahren an Krebs starb.

 

Wenn ich über die Distelblüten öffentlich spreche, so bin ich immer wieder erstaunt, wie ausführlich ein vorausgehendes Pressegespräch verläuft.

 

Aus einem geplanten 10-Minuten Gespräch wird dann leicht eine Stunde und statt eines Fünfzeiler zur Ankündigung wird ein längerer Artikel.

 

Beispiele der Lesung vom 6. April 2017

 

 

 

 

 

Liebe Distelblüten in aller Welt,

 

unsere Mütter haben meistens geschwiegen, wie auch wir sehr oft.

Im März 2014 haben wir uns entschlossen mit einem gedruckten Wort unsere Schicksale der Nachwelt zu erhalten und das Schweigen zu brechen.

Damals habe ich gedacht, wir würden mit einer kleinen Broschüre einige wenige Menschen erreichen.

 

Bis heute haben wir durch Vorträge und Lesungen und einigen verkauften Exemplaren direkt etwa 900 Menschen erreicht.

Über die lokalen Zeitungsberichte sind rund 200.000 Menschen auf unser Thema aufmerksam gemacht worden.

 

Mit der Veröffentlichung des GEO Artikels am 24. April 2015, der auf unser Buch zurückgeht, erreichten wir die Millionenschwelle weltweit.

Die Druckausgabe und die Onlineausgabe wird weltweit von mehr als einer Million Menschen gesehen. Wie intensiv jeweils gelesen wird, wissen wiratnatürlich nicht.

 

Der Fernsehbeitrag im MDR hatte 290000 Zuschauer. Wie viele es in den drei Wiederholungen waren, weiß ich nicht. Die Zuschauerzahl bei Buten un Binnen am 29.7. ist ebenso unbekannt wie die Hörerzahlen im Radio bei mehreren Sendungen.

Im Familienjournal von "Kirche und Leben" aus Münster erreichten wir am 10. Mai mit einer Druckauflage von 100.00 auch viele Menschen.

 

Auf den Tagungen in Köln und Hannover waren wir direkt bei Wissenschaftlern präsent. In den ersten Veröffentlichungen werden wir als Literaturquelle genannt. Wer gut suchen kann, findet uns auch mit einem Minihinweis bei der Bundeszentrale für politische Bildun oder bei Wikipedia (Nicht von uns eingestellt)

 

Im Herbst wird der Deutschlandfunk eine Themennacht senden. Zwei weitere Fernsehbeiträge sind in der Planungsphase.

 

Und doch gibt es noch viele Betroffene, die per Zufall von uns erfahren.