Begegnung

Begegnungen mit der deutschen Vergangenheit

 

Von Walter Töpner

eingestellt am 26.10.2016

 

Unerbittlich geradeaus führt die holprige, mit Schlaglöchern übersäte Piste und durchschneidet dabei Wälder und Sümpfe. Wir sind unterwegs auf dem Weg zur Wolgaquelle und fahren durch ein fast menschenleeres Gebiet etwa 350 km südlich von St. Petersburg. Heute morgen sind wir in Staraja Russa aufgebrochen und folgen jetzt den Spuren der deutschen Truppen im 2. Weltkrieg. Uwe, bei dem wir uns einquartiert haben, ist beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge beschäftigt und will uns Land und Leute zeigen. Unvermittelt kommen wir dabei auch mit unserer eigenen Geschichte in Berührung.

 

Unter­wegs kommen wir durch die Orte Ramuschewo und Demjansk, wo einst Kriegsgeschichte geschrieben wurde. Denn Anfang 1942 schloss sich hier an der deutsch-sowjetischen Front südöstlich des Ilmensees der sog. Kessel von Demjansk. Der Roten Armee war es gelungen, bis zum 8. Februar die Stadt Demjansk mit sechs deutschen Divi­sionen einzukreisen. Hitler hatte entgegen dem Rat von Generalfeldmarschall Ritter von Leeb befohlen, Demjansk um jeden Preis zu halten, und zwar auch dann, wenn die strategisch wichtige Verbindung zum X. Armee­korps bei Staraja Russa unterbrochen werden sollte. Zur Öffnung des Kessels begannen die Deutschen dann im sog. „Unternehmen Brückenschlag“ am 20. März 1942 einen Entsatzangriff und erreichten am 20. April den Ort Ramuschewo am Lowat-Fluss. Es gelang, einen Verbindungskorridor zwischen Starja Russa und Demiansk zu schaffen, der zuerst an seiner schmalsten Stelle nur vier Kilometer breit war und später für die Einge­schlossen zum rettenden Ufer wurde. Der Kessel konnte dank massiver Versorgung aus der Luft und unter großen Opfern an Menschen und Material gehalten werden. 14 Monate leisteten ca. 95 000 deutsche Landser erbitterten Wider­stand. Aber der Preis dafür war hoch. Bis zur endgültigen Räumung des Kessels be­trugen die Gesamt­ver­luste allein beim fliegenden Personal auf Einsatzflügen 2 Gruppenkommandeure, 383 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die gefallen, vermisst oder verwundet waren. 262 Transport­flug­zeuge gingen verloren. 22 093 Verwundete konnten immerhin Dank dieser ersten Luftbrücke in der Militärgeschichte noch ausgeflogen werden. Über eine von den Deutschen im Korridor gebaute Eisenbahnlinie wurden Kriegs­material in bedeutendem Umfang aus dem Kessel heraus transportiert. Die Kehrseite dieser Medaille war, dass alle Maschinen für dieses Unternehmen benötigt wurden und deshalb in der Heimat Maschinen für die Flieger­ausbildung fehlten. Dadurch wurde die Luftwaffe entscheidend geschwächt. Historiker rätseln noch immer, ob Hitler nach der Ein­schließung der 6. Armee in Stalingrad geglaubt haben könnte, man könne das, was in Demjansk gelang, wiederholen.

 

Der Soldatenfriedhof in Korpowo

Wo früher Schlachten tobten, liegt heute eine große Stille über dem Land. Ringsum sind grüne Wälder, die Sonne scheint, als wir zu einem Sammelfriedhof kommen, den der Volksbund Deutsche Kriegs­gräberfürsorge bei dem Dorf Korpowo für die deutschen Soldaten errichtet hat, die im Gebiet Demjansk gefallen sind. An der Straße gibt es kein Hinweisschild auf diesen Friedhof, der auf einem Plateau an der Straße von Staraja Russa nach Demjansk liegt. Souvenir­jäger würden es bald stehlen meint Uwe. Mein erster Eindruck: Der am 2. September 2001 einge­weihte Sammel­friedfriedhof etwa 60 Kilometer südöstlich von Staraja Russa macht einen äußerst gepflegten Ein­druck. Der Friedhof ist an der Vorderseite durch eine Findlingsmauer eingefriedet, vom ge­schmiedeten Ein­gangs­tor führt ein granitgepflasterter Weg zu einem Gedenk­platz mit Hochkreuz. Die Friedhofsfläche wurde mit Rasen und Bäumen bepflanzt. Der Rasen ist gemäht und auf der Fläche wurden einige Symbolkreuzgruppen aufgestellt. Ich bin plötzlich sehr berührt von den vielen großen Grabstelen, auf denen viele Namen der be­kannten gefallenen Soldaten ein­gravier­t sind, die vom Volksbund hierher umgebettet wurden. Mein eigener Vater, der in Russland verwundet wurde, hätte auch auf einem solchen Friedhof liegen können. An manchen Grab­steinen sieht man hin und wieder Blumen­sträuße liegen. Bisher stehen auf den 89 Granitstelen 30 099 Namen, insgesamt ruhen bisher auf der Anlage rund 33 600 Gefallene. Aufgrund eines detaillierten Lageplanes kann man jedes Soldatengrab auf diesem Friedhof finden, auch wenn es keinen eigenen Grabstein besitzt. Ein solcher wird nur auf Wunsch und Kosten der Angehörigen angefertigt. Auf dem etwa vier Hektar großen Gelände können insgesamt noch etwa 60 000 Tote Platz finden.

 

Lebensschicksale

Dann deutet Uwe in Richtung eines Dorfes hinter dem Fluss und erzählt uns die Geschichte von Anja und Sepp, die im Krieg als Liebespaar nicht zusammenkommen konnten. Eines Tages lange nach dem Krieg war ein älterer Herr mit einer Reisegruppe vom Volksbund in die Gegend von Korpowo gekommen und hatte sich nach dem Dorf erkundigt, wo eine Frau namens Anja gewohnt haben soll. Man sagte ihm, sie wohne jetzt in Moskau, habe hier aber noch ein Haus und komme oft am Wochenende hierher. Er wartete also das nächste Wochen­ende ab und klopfte dann bei dem besagten Haus an. Eine Frau öffnete ihm und fragte sofort Sepp ? Als deutscher Soldat hatte er als Übersetzter hier gearbeitet und die Russin Anja kennen gelernt. Beide verliebten sich ineinander. Anja wurde dann als Zwangsarbeiterin nach Berlin verschleppt, wo er sie besuchte. Sie ver­sprachen sich, nach dem Krieg zusammen zu kommen, aber nach langer Trennung in der Zeit des kalten Krieges verloren sie sich aus den Augen. Erst hier hatten sie sich wieder gefunden. Anja und Sepp hatten einander in all den Jahren nicht vergessen.

 

Dann erzählt er mir die Geschichte von einer 80 jährige Frau, die ihren gefallenen Mann heimgeholt hat. In hohem Alter war die Kriegerwitwe nach St. Petersburg gefahren, um das Grab ihres Mannes zu finden. Sie wusste, wo er gefallen war und wollte den Platz des Friedhofs finden, wo er mit 170 anderen Toten während des Krieges begraben worden war. Sie hatte Glück und die sterblichen Überreste ihres Mannes wurden geborgen und identifiziert. Nur drei der exhumierten Soldaten hatten eine Erkennungsmarke, eine davon gehörte ihrem Mann. Jetzt begann für sie der zermürbende Papierkrieg für die Überführung der Gebeine nach Deutschland, denn sie wollte mit ihrem Mann begraben sein. Rück­führungen nach Deutschland können erst erfolgen, wenn alle Papiere aus Deutschland vorliegen. Als alle Unterlagen beisammen waren, konnte sie sich diesen Wunsch erfüllen.

 

Mit deutschen Soldatenfriedhöfen wurde in Russland nach dem Krieg leider nicht immer respektvoll umgegangen wie folgendes Beispiel zeigt. Uwe zeigt uns auf der Fahrt von Staraja Russa nach Nowgorod links von der Straße einen kleinen See mit einer Kirche. An dieser Stelle befand sich ein deutscher Soldatenfriedhof. Als man hier diese Straße ausbaute, brauchte man Sand und Erde. Die holte man sich einfach von dem Friedhof nebenan. Später bildete sich hier ein See. So liegen die Überreste deutscher Soldaten unter dieser Chaussee, über die heute die Autos hinwegdonnern. Umbettungen wurden zu dieser Zeit noch nicht vorgenommen. Deutsche Soldaten­­friedhöfe wurden erst nach der Wende von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge auf sog. Sammelfriedhöfe zusammengelegt.

 

Auf der Weiterfahrt erzählt uns Uwe, dass schätzungsweise 90 % der Soldatengräber von Plünderern geöffnet wur­­den, häufig sogar mehrmals. Es begann 1970, als mit dem steigenden Goldpreis das Zahngold der Soldaten zu Geld gemacht wurde. Man öffnete damals die Särge nur im Kopfbereich auf, um die Zähne heraus zu brechen. Eine zweite Welle der Grabplünderungen von Andenkenjägern und Militariasammlern setzte später ein, die an Uni­formteilen wie Koppelschlössern, Stiefeln u.a. interessiert waren. Die dritte Welle fand statt, um nachzusehen, dass man auch ja nichts übersehen hatte. Wenn bei diesen Plünderungen auch die Erkennungsmarken verloren gingen, starb der betreffende Soldat ein zweites Mal meinte Uwe, weil das Wissen um sein Grab endgültig verloren war. Auch weigern sich leider noch immer manche Grundstücksbesitzer, dass Umbettungen von Soldatengräbern vorge­nommen werden dürfen. Die Zahl der vielen Vermissten bleibt daher hoch, denn nicht jeder Soldat wird gefunden, identifiziert und erhält ein Einzelgrab auf einen Soldatenfriedhof.

 

Als der Volksbund Deutsche Kriegsgräber­fürsorge 1992 mit seiner Arbeit in Russland begann, hatte er nach dem Krieg bereits rund 40 Jahre verloren und konnte diesen Wettlauf gegen die Plünderer nicht mehr gewinnen. Erst nachdem die Deutschen nach der Wieder­vereinigung die Übernahme der Kosten für die Pflege und Erhaltung der sowjetischen Soldatenfriedhöfe davon abhängig machten, dass sie auch die deutschen Soldatengräber in Russland erfassen und auf Sammelfriedhöfe umbetten durften, konnte der Volksbund im Rußland seine Arbeit auf­nehmen, um der Sinn­losig­keit des Sterbens nachträglich ein Gesicht geben. Die Suche nach den Toten und die Exhumierung der Gebeine ist eine anstrengende und nicht sehr angenehme Arbeit. Die russischen Arbeiter stehen oft in tief in kaltem Wasser. Aber jeder gefundene Soldat lohnt die Anstrengung.

 

Die Menschen in Russland haben die Arbeit des Volks­bundes meistens anerkannt und respektiert. Denn russische Sammel­friedhöfe dieser Art mit Namenszuordnungen gibt es in dieser Form nicht oder nur sehr wenig, weil die Soldaten meist keine Erkennungsmarken trugen. Die Russen setzten ihren Soldaten auch in aussichtsloser Lage ein. Die Deutschen saßen auf den Anhöhen mit MGs und die Russen stürmten dagegen an. Immer zwei Mann hinter­einander, wobei der erste eine Waffe hatte. Fiel der erste, nahm der hintere die Waffe in die Hand und ging weiter. Die Toten blieben meist dort liegen, wo die Soldaten gefallen waren. Umbettungen auf große Sammelfriedhöfe wurden in der Regel nicht vorgenommen. So wird das erschreckende Ausmaß des russischen Blutzolls in diesem Krieg durch Friedhöfe und Namen optisch nicht sichtbar. Der Kriegstoten wird aber vielerorts durch besondere Mahnmale ge­dacht.

 

Korostyn

Hoch über dem Ufer des Ilmensees erhebt sich eine weiße Kirche aus dem 18. Jahrhundert über dem Land. Sie hat den Krieg heil überstanden, ist der Mutter Gottes geweiht und heißt Maria Himmelfahrt. Unter ihrer reichen Ausstattung ist eine alte Ikone zu erwähnen, die vom Volk noch heute sehr verehrt wird. Von hier hat man einen schönen Blick auf den nahen Ilmensee. Auf der nahen deutschen Kriegsgräberstätte Korostyn wurden im Zweiten Weltkrieg in zwei Gräber­blöcken mindestens 1339 deutsche Soldaten in Einzelgräbern bestattet. Das Gräberfeld wurde nach dem Krieg eingeebnet und war nur noch als Gras­fläche vorhanden. Eine Zeit lang wurde das Areal als Freizeitgelände und Zeltplatz genutzt. Erst als die Camper anfingen, hier zu graben, wurde das Zelten verboten. Heute befindet sich der mit einer Umfassungsmauer aus Feldsteinen eingefriedete Soldaten­fried­hof in einem sehr guten Zustand. Der Volks­bund gestaltete 1996/97 das Gelände mit Birkenbewuchs gärtnerisch neu und legte einen gepflasterter Gedenk­platz mit Hochkreuz an, wo auf Granittafeln die Namen der bekannten Toten in alphabetischer Reihenfolge verewigt sind. Auf den Grabstelen sind die Lebensdaten und sogar die Dienstgrade der Gefallenen eingraviert. Es sind viele junge darunter, die mit 19-21 Jahren hier ihr Leben in einem sinnlosen Kampf verloren. Die vielen Namen geben Zeugnis, wie Deutschlands junge Generation in einem sinnlosen Krieg verheizt wurde.

 

Nowgorod

Der Himmel ist düster zugezogen als wir das das Gelände der ehemaligen Kriegsgräberstätte der 1. Luftwaffen­feld­­division Nowgorod-Süd betreten, die eine Delegation des Volksbundes im Dezember 1991 wieder gefunden hatte. Die Gräber von rund 680 deutschen Soldaten waren zwar eingeebnet, aber die Nowgoroder Gebiets­kommission erteilte 1992 die Erlaubnis, die Anlage wieder herzustellen und zu einem Sammelfriedhof aus­zu­bauen. Der am 21. September 1996 eingeweihte Friedhof besitzt an zentraler Stelle ein Hochkreuz; wo auf drei Granitstelen die Namen von 500 bekannten Soldaten verewigt sind. Auf einer besonderen Parzelle des Fried­hofes sind 1900 Tote spanische Soldaten begraben, die in der sog. Blauen Division auf deutscher Seite gekämpft und ihr Leben verloren hatten. Von den lokalen Friedhöfen des Gebietes Nowgorod wurden bisher 8041 Gebeine hierher um­ge­bettet. Die vielen Namen der Toten sind auf 19 Stelen verzeichnet. Und die Zu­bettungen aus dem Nowgoroder Gebiet gehen immer noch weiter.

 

Die Friedhöfe, die wir in Russland gesehen haben sind keine „Heldenfriedhöfe“. Dazu wirken sie viel zu schlicht und be­scheiden. Es fehlt ihnen auch die monumentale Wirkung, wie sie die Friedhöfe in Nordfrankreich manch­mal ausstrahlen, wenn man kilometerweit nichts als weiße Kreuze sieht. Aber von den vielen Namen auf all diesen Grabstätten geht die gemein­same Botschaft aus:

Nie wieder Krieg!